Leseprobe


»Das verborgene Land« und »Der Erbe des Königreichs«



Fast reglos stand die schmale Gestalt am Fenster und versuchte, gegen den wolkenverhangenen Nachthimmel etwas zu erkennen. Der Hunger hatte sie nicht einschlafen lassen, denn das Abendessen war wieder einmal sehr dürftig gewesen. Sie verzog das Gesicht, als sie an das gesalzene Suppenwasser dachte, in dem wie versehentlich ein wenig Grünzeug gedümpelt hatte. Durch die Ritzen der undichten hohen Fenster kroch gnadenlos die Kälte in den Schlafsaal der Mädchen, und sie fror jämmerlich in ihrem dünnen Nachthemd. Maya hauchte gegen die schmutzigen Scheiben und polierte sie mit ihren Fingern, um besser sehen zu können. Windböen peitschten den Regen unermüdlich dagegen, und dieser hinterließ ein feines Geflecht aus Wasserstraßen, das die Sicht noch mehr einschränkte. Ein unheimlicher Laut hatte sie ans Fenster gelockt. Er war irgendwo aus der Dunkelheit da draußen gekommen. Wie eine Eisnadel war er in ihr Bewusstsein gedrungen und hatte ihr einen Schauder über den Rücken gejagt. Es hatte sich angehört wie ein Angstschrei, allerdings nicht wirklich menschlich. Welches Wesen machte solche Geräusche?
Als ein Blitz den düsteren Himmel zerschnitt, zuckte Maya erschrocken zusammen, denn sie erkannte für wenige Augenblicke ganz nah unter den sturmzerzausten Bäumen deutlich die Umrisse eines riesigen tintenschwarzen Pferdes, auf dem ein Reiter in einem langen dunklen Mantel saß. Einen Moment lang zweifelte sie an ihren Sinnen, so gespenstisch wirkte die Szene und erinnerte sie eher an einen Gruselfilm als an die Wirklichkeit. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück, obwohl sie wusste, dass sie aus dieser Entfernung im Schatten des Zimmers nicht gesehen werden konnte. Oder etwa doch?
Ein gewaltiges Donnergrollen aus den sich bedrohlich auftürmenden nachtgrauen Wolkenmassen ließ das Tier den Kopf zurückwerfen und ein durchdringendes, schrilles Wiehern ausstoßen. Trotz des beständig niederprasselnden Regens verursachten die eisenbeschlagenen Hufe nun ein deutlich klackendes Geräusch. Maya hielt den Atem an: Der Mann hatte den gepflasterten Vorhof des alten Hauses erreicht. Sie drückte sich in die Fensternische und hoffte, dass er nicht zu ihr aufsah. Er war jetzt so nah, dass sie ihn im Licht der Hausbeleuchtung näher betrachten konnte. In den Falten des vor Nässe glänzenden Mantels lief der Regen in dichten Rinnsalen hinab. Der Fremde hatte etwas – möglicherweise einen Sack – vornüber geworfen, und ließ das Ding vorsichtig zu Boden gleiten. Dann sprang er mit einer geschmeidigen Bewegung vom Pferd und beugte sich über das große Bündel. Maya keuchte überrascht auf, denn das, was sie für einen Sack gehalten hatte, bewegte sich – ein Junge war es, der sich, in zerschlissene Lumpen gehüllt, auf den Boden kauerte. Er hatte die Arme um den Körper geschlungen und zitterte vor Kälte. Offensichtlich war er verletzt, denn Maya bemerkte nun ein bandagiertes Bein. Er schien ihr etwa in ihrem Alter zu sein, vielleicht auch ein bisschen älter; das war bei diesem trüben Licht unmöglich festzustellen. Einen Augenblick lang fühlte sie sich an ihre eigene Ankunft hier in diesem Waisenhaus erinnert, und sie empfand tiefes Mitleid mit ihm. Ihr war erzählt worden, dass sie vor über fünfzehn Jahren als wenige Wochen altes Findelkind im dichten Schneetreiben ins Waisenhaus gebracht worden war. Ihr genaues Geburtsdatum hatte sie allerdings nie erfahren. Die Alten im Dorf erinnerten sich nicht, jemals einen kälteren und schneereicheren Winter erlebt zu haben.
Sie wusste nichts über sich, nicht einmal, ob sie ihre großen braunen Augen und ihr lockiges dunkles Haar, das sie ziemlich lang trug, von ihrem Vater oder ihrer Mutter geerbt hatte. Man hatte ihr nur erzählt, dass sie ein hübsches niedliches Baby gewesen sei. Nun, niedlich war sie nicht mehr, hoffte sie. Die damalige Köchin hatte ihr zugetragen, dass man sie eingewickelt in ein silbrig glänzendes Tuch von erstaunlich feiner Machart gefunden hatte. Irgendjemand hatte sie in einer der frostklirrenden Raureifnächte auf den Stufen zur Haustür abgelegt, den Klingelzug betätigt und dann das Weite gesucht.
Maya richtete ihre Aufmerksamkeit nun erneut auf den finsteren Mann. Er hatte etwas Verschlagenes an sich, und es lag etwas Unheimliches in der Art, wie er sich bewegte. Vorsichtig blickte er sich immer wieder um, als hätte er Verfolger zu fürchten. Vielleicht war auch die hässliche Narbe der Grund, dass er so unheilbringend wirkte. Sie lief quer über sein Gesicht und zog ein Augenlid so nach unten, dass er dieses Auge nur halb öffnen konnte. Er packte den Jungen, zog ihn hoch und warf ihn, als wöge er fast nichts, über seine Schulter. Rasch trat er mit seiner Last unter das breite, schützende Vordach des Hauses, wo er sich Mayas Blicken entzog, denn von ihrem Fenster im ersten Stock aus war dieser schräg unter ihr gelegene Teil nicht einsehbar. Sie vermutete, dass der Ankömmling nach der Herrin des Hauses, Frau Säuerlich, klingelte. Die Leiterin des Kinderheims war eine große, recht grob aussehende Person mit einem Schwabbelkinn (es waren eigentlich drei Stück, hatte Maya gezählt), und spitzer Nase, die sie liebend gern in fremde Angelegenheiten steckte. Ihren stahlgrauen Augen entging nichts, und sie verzieh nichts.
Maya wartete bibbernd eine Weile und fragte sich, wie lange sie wohl in der Kälte ausharren musste, bis abermals etwas geschah, doch schon nach kurzer Zeit erschien der Mann ohne den Jungen, schwang sich auf sein Pferd und galoppierte davon.
Sie vermutete, dass der Neue in den Schlafsaal der Jungen am anderen Ende des Ganges gebracht werden würde, und sie kroch rasch in ihr Bett zurück. Falls sie am Fenster ertappt worden wäre, hätte das ziemlichen Ärger gegeben. Überhaupt schätzte die Heimleiterin nichts mehr als einen straff durchorganisierten Tagesablauf, wie sie es nannte, ohne Belästigung durch ihre Schützlinge und ohne unliebsame Überraschungen. Zu den unliebsamen Überraschungen zählten ohne Zweifel auch geheimnisvolle Reiter, die geheimnisvolle Jungen ablieferten. Maya war gespannt auf den kommenden Tag und wickelte sich in ihre viel zu kurze Decke ein, in der Hoffnung, trotz der Kälte und der bereits einsetzenden Morgendämmerung noch ein wenig Schlaf abzubekommen.

Sie wurde geweckt durch den üblichen Weckruf. Frau Säuerlich steckte ihre spitze Nase durch die Türöffnung und brüllte »LOS, AUUUFSTEHEN!!«, dass der Putz von den Wänden fiel. Um sie herum tauchten mehrere Haarschöpfe aus den Kissen auf. Maya zog sich ihres vor das Gesicht und verharrte so eine Minute, bis ihr der nächtliche Besuch blitzartig wieder einfiel. In hohem Bogen schleuderte sie ihr Kissen von sich und sprang schwungvoll aus dem Bett, um sich sofort auf die Suche nach ihrer besten Freundin zu begeben, der sie die Neuigkeit gleich mitteilen wollte. Aber Fiona war schon im angrenzenden Waschraum verschwunden, wo sie wie immer den recht aussichtslosen Versuch unternahm, ihr widerspenstiges, bis zur Taille reichendes rotes Haar zu langen Zöpfen zu bändigen. Ab einer gewissen Haarlänge waren Zöpfe Pflicht; Maya war gerade noch davongekommen.
Das Badezimmer bestand aus einer Reihe Waschbecken mit darüber hängenden Spiegelschränkchen und zwei abgeteilten Toiletten. Die moosgrünen Fliesen waren teilweise ausgetauscht und durch beige marmorierte ersetzt worden. Irgendjemand hatte versucht, die Wände mit kitschig bunten Aufklebeblümchen etwas freundlicher zu gestalten.
Es herrschte ein ziemliches Gedränge, da für fünfzehn Mädchen lediglich dreizehn Waschbecken vorhanden waren. Rasch suchte sie ihre Sachen zusammen und quetschte sich neben Fiona, um sich mit ihr ein Becken zu teilen. Zu ihrer linken Seite warf ihr Beatrice einen genervten Blick zu und betastete dann wieder betrübt einen dicken Pickel, der auf ihrer Stirn blühte.
»Heute Nacht ist ein Neuer gekommen«, flüsterte Maya ihrer Freundin zu.
»Hmpf?«, nuschelte Fiona mit der Zahnbürste und viel Schaum im Mund, »habi garned midgegrichd.«
Energisch klatschte sich Maya den nassen Waschlappen ins Gesicht. »Kein Wunder, da hast du ja geschlafen, und er wurde von einem unheimlichen Reiter auf einem riesengroßen schwarzen Pferd gebracht.«
Fiona riss erstaunt die grüngrauen Augen auf. »Maxddu Widze? Ein Reidä? Werreideddenn bei unsch noch?«
Die Frage war berechtigt. Zwar gab es kräftige Bauernpferde in der Umgebung, die zur Arbeit auf den steilen Bergwiesen und in den Wäldern herangezogen wurden – schließlich lag das Heim sehr ländlich am Fuß eines Gebirgsausläufers. Doch ein Reiter war etwas Außergewöhnliches.
Maya zuckte die Schultern. »Ich würd’ auch lieber reiten als Auto fahren. Wobei jemand schon echt schräg drauf sein muss, bei so einem Unwetter mit dem Pferd unterwegs zu sein.«
Sie runzelte in Erinnerung an die beiden Fremden die Stirn. »Etwas war seltsam an ihnen. Sie sahen aus wie aus den Geschichten rausgesprungen, die unsere alte Köchin früher immer erzählt hat.«
»Waff?« Fiona spuckte die Zahnpasta ins Becken. »Die alte Genevra Silberstein? Die ein bisschen übergeschnappt war?«
»Sie war nicht übergeschnappt. Sie hat einfach … hinter die Dinge gesehen.«
»Sie war eine gute Geschichtenerzählerin.« Fiona schraubte energisch die Zahnpastatube zu. »Man hat fast wirklich an Zauberei und echte Elfen und solche Sachen geglaubt, wenn man ihr zugehört hat.«
Maya seufzte. »Ich habe ihr geglaubt. Na ja … mal sehen, ob er beim Frühstück dabei ist.«

Aber ihre Hoffnungen wurden enttäuscht. Kurze Zeit später hatten sich alle jungen Bewohner des Heims im Esszimmer eingefunden, einem langgezogenen tristen Raum im Erdgeschoss mit einem riesigen alten Holztisch in der Mitte und einer dunkelbraunen, düster wirkenden Holztäfelung an Decke und Wänden. So richtig wohl fühlten sich hier eigentlich nur die Spinnen, von denen soeben ein besonders prächtiges Exemplar über die ausgebleichten, mottenzerfressenen Vorhänge krabbelte.
Obwohl das Zimmer mit fünfzehn Mädchen und dreizehn Jungen recht voll war, ging es verhältnismäßig leise zu. Die Heimleiterin legte Wert auf Disziplin.
Außer Frau Säuerlich, die ihr Essen separat einnahm, sorgte eine weitere Angestellte für Ordnung. Frau Olm-Grottendunk war deutlich kleiner als die Leiterin, aber ebenso füllig, was zur Folge hatte, dass sie noch ein Kinn mehr besaß. Sie hatte die Vorliebe, sich in bunte Bonbonfarben zu kleiden, ein Umstand, der ihr den Spitznamen Pralinenschachtel eingebracht hatte. Die Kinder und Jugendlichen waren der Meinung, dass sie die Bezeichnung Köchin nicht verdiente, doch war Kochen neben der übrigen Hausarbeit bedauerlicherweise eine ihrer Aufgaben. Gab es Suppe, so hatte sie, wie Maya fand, irgendein Kraut in heißem Wasser ertränkt. Gab es etwas anderes, sah es aus wie Matsch in verschiedenen Schattierungen und schmeckte auch so.
Es war ein offenes Geheimnis, dass die beiden Frauen ihre eigenen Lebensmittelvorräte besaßen. Nachdem die Pralinenschachtel die gemeinsamen Mahlzeiten mit ihren Zöglingen überwacht hatte, setzte sie sich regelmäßig zur Säuerlich ins hübsch eingerichtete Nebenzimmer, wo sie gewiss etwas anderes als den üblichen Fraß zu sich nahmen. Einer der Jüngeren war einmal versehentlich in diesen streng verbotenen Raum geraten und hatte hinterher etwas von Kirschtorte, Schlagsahne und Apfelstrudel mit Vanilleeis gestammelt.

Maya setzte sich beim Essen wie üblich zu ihren besten Freunden Fiona und Max an den Tisch. Max war seit sieben Jahren im Waisenhaus, sprach aber nie über den Grund. Maya war er gleich sympathisch gewesen mit seinem freundlichen Gesicht und den meist ungekämmten blonden Haaren. Sie hatte sich um ihn gekümmert, und dass er zwei Jahre jünger war als sie, hatte keinen von ihnen gestört. Da bei Tisch Gespräche verboten waren, raunte ihm Maya mit einem Seitenblick auf die Olm-Grottendunk zu: »Nach dem Unterricht treffen wir uns unter der alten Eiche.«
Max nickte und widmete sich hingebungsvoll seinem Haferbrei. Egal, wie sehr die anderen auch an dem Essen herumwürgten, das sie vorgesetzt bekamen, Max schien es immer zu schmecken. Maya riskierte einen Rüffel vonseiten der Köchin, die am Kopfende des Tisches thronte und heute in Quietschrosa leuchtete.
»Was weißt du von dem Jungen, der heute Nacht gekommen ist? Ist er bei euch im Schlafsaal? Oder haben sie ihn woanders hingebracht?«
Max brachte wieder nur ein Nicken zustande, wohl, weil er den Mund voll Brei hatte. Maya stöhnte.
»Warum beantworten Jungs Entweder-oder-Fragen so gerne mit einem Nicken? Ich meine, ja, ist er bei euch im Schlafsaal, oder nein, ist er nicht?«
Max, der beträchtlich hungrig war, hatte bereits für Nachschub gesorgt und schluckte verzweifelt. In diesem Moment klopfte Frau Olm-Grottendunk mahnend mit den Fingerknöcheln auf den Tisch und warf Maya einen strengen Blick zu. Maya wollte keine Stunde Extrahausarbeit riskieren und öffnete von da an den Mund nur noch zum Essen oder Trinken.

Nach dem Frühstück blieb nicht viel Zeit, in die verschiedenen Klassenzimmer zu gelangen, wo Lehrer unterrichteten, die außerhalb des Kinderheimes in einem der umliegenden Dörfer wohnten und meist nicht mit Hausaufgaben sparten.
Wer hier lehrte, dem lag nichts am Großstadtleben; das Aufregendste im Umkreis war der Kaninchenzuchtverein im nahen Dorf Hoppenreuth. In dieser Gegend gab es nicht einmal Mobilfunkempfang; der Internetzugang war für die Schüler sowieso gesperrt. Dafür lag das Heim malerisch inmitten sanfter Hügel mit einem herrlichen Blick auf die Berge. Im Sommer leuchtete der gelbe Raps auf den Feldern und die Wiesen waren bunt getupft mit zarten Glockenblumen, Akeleien und Frauenschuh-Orchideen.
Jetzt, im Monat April, lag die Landschaft noch wintermüde da. Der dunkle Nadelwald, der hinter dem verwilderten Garten begann, hob sich kaum vom trostlosen Grau des Himmels ab. Der parkähnliche Garten wurde von verschlungenen Wegen durchzogen und wäre sehr nach Mayas Geschmack gewesen mit seinen schönen alten Eichen und den Blumenrabatten vor und hinter dem Haus. Aber leider wurde kein Gärtner zur Pflege angestellt, weswegen der Garten trist und verwahrlost wirkte. In den Beeten wucherte zwischen ein paar abgestorbenen Stauden hartnäckig das Unkraut. Efeu hatte die letzten Margeriten erstickt und manche Kastanie erobert. Er kroch über die Wege und schlang seine Ranken um alles, was er erreichen konnte. Die Bäume streckten traurig ihre verdorrten Zweige gegen den Himmel, und der Wind trieb die vom Herbst übrig gebliebenen Blätter über den struppigen Rasen. Immerhin konnte man sich im Geäst der knorrigen Eichen verkriechen und ungestört träumen.
Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass hinter einer solch normalen Umgebung etwas ganz und gar Unnormales verborgen sein könnte.

Heute konnte es Maya noch weniger abwarten als sonst, dass endlich der Unterricht zu Ende ging. In Latein war sie allerdings glatt weggedöst, was kein Wunder war, denn Herr Brandmüller, ein blasser, leicht zerknittert aussehender älterer Lehrer, hob sich mit seiner Vorliebe für braune Anzüge kaum von der übrigen Klassenzimmereinrichtung ab. So konnte man ihn, wenn man sich die Finger in die Ohren steckte, mühelos ausblenden.
Gegen Ende der letzten Unterrichtsstunde war Maya wieder hellwach und zappelte auf ihrem Stuhl herum, weil sie so schnell wie möglich Max wegen des fremden Jungen befragen wollte. Der Reiter hatte so unwirklich ausgesehen, als hätte er sich aus einer fremden Welt hierher verirrt – der Sache wollte sie unbedingt auf den Grund gehen. Max ging in die Klasse der Zwölf- bis Vierzehnjährigen und saß im Zimmer nebenan seine Zeit ab. Weil es zu wenige gleichaltrige Heimkinder gab, musste man mehrere Schülerjahrgänge zu einer Klasse zusammenfügen. Maya war heilfroh darüber, denn sonst hätte sie nur mit der fünf Monate älteren Fiona eine Klasse besucht und sie wären im Unterricht ständig drangenommen worden. Sie selbst gehörte zur Gruppe der fünfzehn- bis siebzehnjährigen Schüler.
Als die sechste Stunde endlich vorbei war, stopfte Maya rasch ihre Sachen in die Büchertasche und trieb ihre Freundin zur Eile an.
»Los, Fiona, mach schnell, wir treffen uns gleich mit Max unter der Eiche, ich hab’s beim Frühstück mit ihm ausgemacht.«
»Hat er was gewusst?«   
»Ich hatte keine Gelegenheit, ihn was Genaues zu fragen.«
Die Mädchen schlüpften in ihre Jacken und banden sich einen Schal um, denn draußen wehte ein eisiger Nordwind. Allerdings hatte es aufgehört zu regnen.

»Wo bleibt bloß Max?« Maya schwang sich auf den untersten Ast der Eiche. »Er ist doch sonst immer als Erster aus seinem Klassenzimmer draußen.«
»Da!« Fiona deutete nach links.
»Sorry«, keuchte Max, »mir ist mein Füller ausgelaufen, und ich hatte deswegen Stress mit Andi.« Andi war Max’ Banknachbar. »Warum ist Andi sauer, wenn dein Füller ausläuft?«, wunderte sich Fiona.
»Na, weil er über ihm ausgelaufen ist.«
Maya überlegte kurz. »Hast du ihm nicht erst vorgestern den Globus auf den Fuß fallen lassen? Der Arme … erstaunlich, dass er noch neben dir zu sitzen wagt.« Ein bisschen verlegen kam sie auf den Grund ihres Treffens zu sprechen. »Was ist nun mit dem Jungen, den ich heute Nacht gesehen habe? Und hat er was über diesen gruseligen Mann erzählt?«
»Ach, der kam heute früh in unseren Schlafsaal, also, nicht der Mann, sondern der Junge. Die Säuerlich und die Pralinenschachtel haben ‘ne alte Matratze für ihn hinten in die Ecke geschleppt, dabei haben sie mein Bett gerammt. Ich wäre vor Schreck fast rausgefallen, ich hab gedacht, es gibt ein Erdbeben.« Max lachte spitzbübisch und rollte mit den Augen. »Und die Pralinenschachtel hatte ein Nachthemd an, da waren lauter bunte Teddybären drauf. Das hat mir dann den Rest gegeben. Es hat gedauert, bis ich mich von dem Schock erholt hatte. Ich war wohl gerade noch mal eingepennt, da hat er einen ziemlichen Lärm veranstaltet, und ich war wieder hellwach.«
»Was für einen Lärm?« Maya sah ihn verwundert an.
»Oooch, er hat im Schlaf ganz schön rumgeschrien, lauter seltsames Zeug. Das war nicht nur ein Albtraum, das war echt, dieser Reiter kam auch darin vor, aber ich hab nicht so richtig geblickt, was er wollte, und er hat sich hin- und hergeworfen und um sich getreten und so.«
»Er muss sich wohl im Traum an irgendetwas Scheußliches erinnert haben«, mutmaßte Fiona. »Sind die anderen denn nicht aufgewacht?«  
»Glaub nicht, aber mein Bett steht ja auch am nächsten dran. Wenn allerdings nicht meine doofen Ohrenschmerzen gewesen wären, hätte meinetwegen die Säuerlich neben mir explodieren können, und ich wäre davon nicht wachgeworden«, erläuterte Max.
»Was meinst du mit ›seltsames Zeug‹? Was hat er denn gesagt?«, hakte Maya nach.
»Total schräg halt. Ich hab das meiste eh nicht verstanden, es hat sich manchmal gar nicht mehr nach ‘ner normalen Sprache angehört. Sorry, aber wenn’s wieder vorkommt, sag ich ihm, er soll deutlicher brüllen.«
Maya grinste. »Also, falls die Säuerlich mal explodieren sollte, das würde sie mir richtig sympathisch machen.«
»Vielleicht hast du ja demnächst Gelegenheit, sie explodieren zu sehen.« Max fischte eine dicke schwarze Spinne aus seiner Hosentasche und hielt sie den Mädchen unter die Nase. Fiona zuckte erschrocken zurück. »Tataa! Darf ich vorstellen? Das ist Augusta. Die erste von vielen. Es werden noch jede Menge Nacktschnecken und ein paar Kröten dazukommen. Ich hab vor, sie alle im Schlafzimmer der zwei Hexen freizulassen.«
»Max! Wenn sie dich erwischen, kochen sie dich zusammen mit den Viechern in einem Kupferkessel!«, rief Fiona entsetzt. »Wie willst du da überhaupt reinkommen? Deren Zimmertüren sind doch immer abgesperrt!«
Max grinste breit. »Na, über ein offenes Fenster.« Er deutete mit dem Kinn in die Richtung des Hauses, von dem Maya einmal behauptet hatte, es sähe der Säuerlich ausgesprochen ähnlich, so scheußlich und plump, wie es war. Zweifellos war es ein wenig ansprechender Bau, der auch zu seinen Glanzzeiten nie viel Charme besessen hatte. Mittlerweile durchzogen Risse die langweilige graue Fassade, und die abblätternden Fensterrahmen hätten dringend einen fröhlichen Anstrich benötigt.
»Ich finde einfach«, fuhr Max unbeeindruckt fort, »dass die beiden uns schon soviel versaut haben – da ist es Zeit, sich ein bisschen zu revanchieren.«
Maya nickte grimmig. Mit Frau Säuerlich hatten sie eine Frau mit der Liebenswürdigkeit eines Säbelzahntigers am Hals. Bevor diese eingestellt wurde, hatten die Heimkinder viel mehr Spaß gehabt. Es hatte Ausflüge in die nächste Stadt gegeben, wobei Max in Rosenau eigentlich immer negativ aufgefallen war, weil er es entweder schaffte, im Kino in die falsche Vorführung zu geraten, im Erlebnisbad fast zu ertrinken oder in der Eisdiele die Bedienung mit dem vollbeladenen Tablett zu Fall zu bringen. Beim Kajakfahren auf der Wilderach brachte er regelmäßig sein Kajak zum Kentern, Maya war die Einzige gewesen, die sich noch mit ihm in einen Doppelsitzer gewagt hatte.
»Ich hab so gerne Theater gespielt«, seufzte Max sehnsüchtig, was Fiona mit einem Kichern quittierte. »Du hattest beim Weihnachtsstück ja auch immer eine herausragende Rolle.«
Max warf ihr einen bösen Blick zu und versenkte Augusta wieder in seiner Tasche. »Als Stern von Bethlehem ist man eine Hauptfigur! Ohne die läuft gar nichts.«
Max’ Hang zu Unfällen war legendär. So hatte er für die Weihnachtsaufführungen grundsätzlich die Rolle des Sterns von Bethlehem zugeteilt bekommen, denn da schwebte er fest angebunden über dem Stall und konnte weder etwas umwerfen noch etwas in Brand setzen.
Maya hingegen hatte dabei je nach Alter erst in der Krippe gelegen und war später als Schäfchen, dann als Engel oder Maria aufgetreten. Fiona hatte sich standhaft geweigert, eine Sprechrolle zu spielen, weswegen sie meistens ein bisschen verschreckt als stummer Hirte im Scheinwerferlicht stand. Sie litt immer ein wenig unter ihrer Schüchternheit, aber Maya tröstete sie, weil sie fand, dass genau das hervorragend zur Figur der Hirten passte. Schließlich hatten diese, als ihnen am Feld erst ein Engel und dann haufenweise himmlische Heerscharen erschienen, auch den Schock ihres Lebens gekriegt.
Sämtliche Schauspieler hatten sich schon Monate vor der Premiere mit Feuereifer daran gemacht, Pappkulissen zu bauen und sich auf der Suche nach Stoffen und Flitterkram durch eine riesige Kleiderkiste gewühlt, aus denen dann unter Fionas Anleitung Bühnenklamotten geschneidert wurden.
Früher waren zum Sommerfest bunte Lampions in die Kastanien gehängt worden, und am Abend hatten sie ein Theaterstück aufgeführt, bei dem auch die Leute aus der Umgebung sehr zahlreich im Publikum gesessen hatten. Nicht einmal das zeitraubende Auswendiglernen für eine Hauptrolle aus dem Sommernachtstraum hatte Maya etwas ausgemacht.
Das war alles vorbei. Die Kleiderkiste war auf dem Dachboden neben den Langlaufskiern gelandet, wo sie zusammen vor sich hin verstaubten, denn das Einzige, das Frau Säuerlich als gemeinsame Unternehmung für die Mädchen und Jungen vorsah, waren Putzdienste und haufenweise Strafarbeiten.
Maya hatte die Säuerlich im Verdacht, die freundliche Frau Hopf aus dem Dorf, die regelmäßig zum Putzen vorbeigekommen war, absichtlich hinausgeekelt zu haben. Nun verteilte sie diese Aufgabe an die Jugendlichen und steckte das dafür vorgesehene Geld in die eigene Tasche. Verärgert dachte Maya daran, dass das Waisenhaus über eine private Stiftung so großzügig finanziert wurde, dass eigentlich genügend Geld für ein Dutzend Frau Hopfs hätte vorhanden sein müssen.
»Ich helfe dir beim Schneckensammeln«, versprach Maya, die das Theaterspielen mindestens ebenso vermisste wie Max. »Aber wir müssen noch ein bisschen warten. Um diese Jahreszeit findest du keine Nacktschnecken. Denen ist das Wetter zu kalt und ungemütlich.«

Wohl aus diesem Grund waren nicht viele Heimbewohner auf die Idee gekommen, sich in den riesigen verwilderten Garten zu wagen, denn der Boden abseits der Wege war vom nächtlichen Unwetter aufgeweicht, und die Eiche stand ein Stück ab vom Weg inmitten einer ungemähten Wiese. Eine Gruppe der älteren Jungs stolzierte breitbeinig einen der unkrautüberwucherten Steinwege entlang, auf denen das Wasser immer noch in großen Pfützen stand. Maya tippte darauf, dass sie irgendeinen coolen Filmhelden nachzuahmen versuchten; allerdings erinnerte sie der Gang der fünf eher an ein schwankendes Schiff in Seenot. Sie hoffte, dass sie nicht in ihre Richtung kämen, denn zwei davon waren von der Sorte, um die man besser einen Bogen machte, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Nun war es nicht so einfach, sich aus dem Weg zu gehen, wenn man so eng zusammenlebte wie in diesem Waisenhaus. Max hatte ihnen insgeheim die Spitznamen Qualle und Wanze verpasst, und die Mädchen fanden, dass das der Sache ziemlich nahe kam. Allerdings gaben sie Acht, dass sie sich den anderen gegenüber nicht verplapperten. Max war das einmal passiert, denn er quasselte zumeist hemmungslos drauflos. Das hatte ihm von Qualle ein blaues Auge eingebracht, das drei Wochen lang von lilablau bis gelb so ziemlich alle Farben durchmachte. Qualle hieß eigentlich Benjamin, war ein fieser überheblicher Giftpilz und besonders um die Mitte herum merklich schwabbelig gebaut. Maya wunderte sich immer wieder, dass manche Namen so gar nicht zu ihren Besitzern passen wollten, aber vermutlich hatten Benjamins Eltern damals keine Ahnung haben können, dass ihr Sohn nun nicht der Kleinste und Schwächste werden würde. Insgesamt hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Geröllbrocken. Aus seinem breiten Schädel sprossen hellbraune Borsten, und unter seiner wulstigen Stirn glitzerten kleine Schweins-äuglein. Wanze hieß in Wirklichkeit Lukas, war strohblond, zwei Köpfe größer als Benjamin, dafür halb so breit, und hatte den Verstand eines Gänseblümchens. Das glich er locker durch ein beträchtliches Maß an Gemeinheit aus. Zusammen piesackten sie die Jüngeren, wo immer sie konnten und waren Spezialisten im Sich-nicht-erwischen-lassen. Diesmal hatten sie den Rest ihrer Bande dabei, der aus Jörn, Lennard und Elia bestand. Die wären für sich betrachtet ganz erträglich gewesen, aber sobald sie im Rudel auftraten, konnten sie recht ungemütlich werden. Mit Gemeinheit schien es sich zu verhalten wie mit einem Schnupfen: Sie war ansteckend.
Maya hüpfte vom Ast herunter und klopfte sich den Hosenboden ab, als Max sie plötzlich mit dem Ellenbogen anstieß.
»Guck mal, da hinten, das ist er doch!«
Die Mädchen reckten die Hälse. Tatsächlich, das schien der Neue zu sein. Ein schwarzhaariger Junge schlenderte den Gartenpfad entlang. Wenn man genau hinsah, erkannte man, dass er mit dem rechten Bein nicht richtig auftrat. Er hatte wohl keine Lust, auf irgendwelche Leute zu treffen, denn er vermied es, die gleiche Richtung einzuschlagen wie Qualle und Wanze nebst deren Anhang. So musste er an der Eiche vorbei, sofern er nicht mitten durch den größten Schlamm waten wollte.
Leider hatten die Gangmitglieder ihn ebenfalls entdeckt, und die ließen sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen. Sie machten kehrt und legten an Tempo zu. Der Junge beachtete sie nicht und ging, die Hände in den Hosentaschen, gelassen weiter. Als er näher kam, stellte Maya fest, dass er wirklich gut aussah mit seinem schmalen Gesicht und den schönen braunen Augen. Genau genommen sogar sehr gut. Sie war überrascht, dass er etwa einen Kopf größer war als sie, andererseits war es nicht verwunderlich, dass sie sich bezüglich seiner Körpergröße verschätzt hatte. Im Vergleich zu dem bulligen, schwarz gekleideten Mann und dem riesigen Pferd hatte er kleiner gewirkt, als er eigentlich war. Sie schätzte sein Alter auf sechzehn Jahre. Be-stimmt war er fast so groß wie Rick; der war der größte hier und mit siebzehn Jahren außerdem der älteste.
»He, Alter! Coole Klamotten!« Qualle hatte den Jungen eingeholt und packte ihn höhnisch grinsend am Ärmel seines Sweat-shirts. Die Kleidung, die er trug, stammte ganz eindeutig aus dem Fundus des Heimes und wurde der Reihe nach weitervererbt, bis die Sachen schließlich so zerschlissen waren, dass man sie in den Müll werfen musste. Die Hose war zu kurz und der Pulli wohl eher für Qualles Körperumfang gedacht.
»Tragen so was die anderen Affen von dem Baum, wo du herkommst?« Er zwinkerte seinen Freunden zu, und die johlten begeistert. Maya spürte, wie ihr die Zornesröte ins Gesicht schoss und sah, dass auch Fiona und Max grimmig dreinblickten. Sie hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und verabscheute es, wenn jemand unfair behandelt wurde. Qualle dagegen konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als andere klein zu machen, denn damit blies er sein Innerstes zur Größe seines äußeren Umfangs auf. Das hier war so richtig typisch für Qualle. Er ließ keine Gelegenheit aus, um sich aufzuspielen, dabei verstand vermutlich ein Regenwurm mehr von Grammatik als er. Der fremde Junge kniff die Augen zusammen, sprach aber kein Wort.
»Ach, kannst nix reden? Uga! Uga! Aber das verstehst du, hä?« Qualle trommelte sich wie ein Gorilla auf die Brust.
Maya wusste aus schmerzhafter Erfahrung, dass es unklug war, Qualle zu reizen, aber sie konnte sich einfach nicht beherrschen. »HÖR AUF, DU AFFE! Lern du doch erst mal in vernünftigen Sätzen zu reden!«
Genau so eine Reaktion hatte Qualle sich erhofft. Er drehte sich langsam zu ihr um. Fiona trat aufgeregt von einem Bein auf das andere, Max hatte die Fäuste geballt, bereit, sich ins Getümmel zu stürzen, wenn es sein musste.
»Na, Schätzchen, was willst du von mir?« Gehässig lachend plusterte sich Qualle zu seiner ganzen Breite auf und schubste sie heftig.
Mit der blitzschnellen Bewegung eines angreifenden Degenfechters schoss die Hand des Jungen vor, aber er streckte Qualle keinen Degen, sondern einen schlanken Holzstab entgegen. Der glotzte erst verblüfft darauf, dann brüllte er vor Lachen. »Uaha! Was ist denn das? Willst du Stöckchenwerfen spielen? Braves Hundchen! Gib dem lieben Onkel das feine Stöckchen!«
Seine Bande hielt es kaum noch auf den Beinen. Sie japsten und hielten sich die Seiten. Maya holte aus, um Qualle eine Ohrfeige zu verpassen, als sie plötzlich zur Seite geschoben wurde.
»Was soll das?« Rick baute sich vor Qualle und dessen Freunden auf. »Ist das eure Art ›Guten Tag‹ zu sagen? Verzieht euch, bevor ich euch beschleunige!«
Obwohl Rick noch nicht lange hier im Waisenhaus lebte, hatten die fünf mit ihm bereits ihre Erfahrungen gesammelt. Er sah zwar nicht übermäßig kräftig aus, konnte aber ganz schön austeilen und hatte ein paar spürbar effektvolle Griffe drauf. Jetzt stand das Verhältnis 5:5, auch wenn mindestens einer der Gegenseite nur zur Hälfte zählte, und einer ziemlich durchgeknallt schien. Qualle zog den Kopf ein und trollte sich mit seinen murrenden Kumpanen.
»Alles klar soweit?« Rick schaute von einem zum anderen. Maya nickte.
»Danke, das war genial.«
Rick betrachtete interessiert den dunkelhaarigen Jungen. Der hielt immer noch den Stock in der Hand, steckte ihn dann aber weg. Als er die fragenden Blicke sah, drehte er sich abrupt um und ging.
Fiona blieb der Mund offen stehen. »Was ist denn mit dem los?«
Maya überlegte nicht lange. Sie ließ die anderen ratlos stehen und lief hinter ihm her.
»Warte doch mal!« Sie musste sich beeilen, ihn einzuholen, er war vom Weg auf die durchweichte Wiese abgebogen und beschleunigte seine Schritte.
»Ich hab dich heute Nacht ankommen sehen!«
Der Junge blieb stehen. Maya verwünschte den rutschigen Untergrund und tapste vorsichtig an seine Seite. »Äh, würde es dir was ausmachen, da hinüber zu gehen?« Sie deutete auf ein trockenes Wegstück vor einer eingestürzten Trockenmauer, die früher einmal den Küchengarten eingefasst hatte.
»In Ordnung.«
Erleichtert stellte Maya fest, dass er sprechen konnte, auch wenn es widerstrebend klang. Sie stapften durch den matschigen Boden zu der Stelle und setzten sich auf die Mauerreste. Die ersten Minuten schwiegen sie sich an.
»Äh …«, begann Maya entmutigt.
»Ja?«
»Du … also, du, … ich meine, ich …«
Der Junge atmete tief durch. »Du hast mich also ankommen sehen, nicht wahr? Das ist nicht viel weniger als das, was ich auch von mir weiß.«
Maya starrte ihn verblüfft an.
Der Junge lächelte, aber seine dunklen Augen blickten traurig. »Ich heiße Larin. Zumindest das habe ich nicht vergessen.«
»Oh. Ich bin Maya«, erwiderte sie etwas lahm. »Du weißt nicht mehr, wo du herkommst?« 
»Nein. Ich weiß, dass ich einen Unfall gehabt haben muss, denn ich hatte Schmerzen im Bein und einen Verband. Ich war wohl ohnmächtig. Als ich mitten im Gebirge aufgewacht bin, konnte ich mich an absolut nichts erinnern. Da war dieser unheimliche Mann, der mich hierher gebracht hat. Er hat kein Wort gesagt. Ich versuchte, ihn zum Reden zu bringen, aber ich hab’s irgendwann aufgegeben, es war sinnlos.«
»Tut mir echt leid.« Maya guckte betreten zu Boden. Das klang alles richtig übel. »Was … ist das vorhin für ein Stock gewesen?«
Sie spürte, wie sich der Junge erneut verschloss. »Das kann ich dir nicht sagen.«  

»Fassen wir zusammen. Er heißt also Larin«, wiederholte Fiona nachdenklich Mayas Schilderung. »Er hat ziemliche Probleme mit seinem Gedächtnis – vermutlich durch einen Schock oder so was – aber im Traum sieht er anscheinend alles wieder vor sich.« Sie beugte sich nah zu Maya herüber und wisperte ihr ins Ohr: »… und er hat wunderschöne braune Augen.«
»Psst«, murmelte Maya errötend mit einem Seitenblick auf Max, doch der war abgelenkt durch die Jagd auf eine besonders haarige Spinne, für die ihm bereits eine nützliche Verwendung vorschwebte. Die drei hatten sich nach dem Abendessen in eine geräumige Abstellkammer im Dachgeschoss zurückgezogen. Das war einer der wenigen Orte, wo man ungestört Geheimnisse austauschen oder einfach nur seine Ruhe haben konnte. Eines Tages hatten sie entdeckt, dass zu diesem Raum kein Schlüssel vorhanden war, sodass sie Zugang hatten, wann immer sich niemand im Flur oder Treppenhaus herumtrieb, der sie hätte hinaufschleichen sehen können. Es roch ein bisschen muffig, und der Staub überzog fingerdick die Fensterbretter, aber es standen sogar ein paar ausrangierte Sitzgelegenheiten zur Verfügung, wie ein dreibeiniger, mottenzerfressener Ohrensessel, ein Hocker, aus dem das holzwollene Innenleben quoll oder ein Melkschemel, für dessen Existenz sich beim besten Willen keine geeignete Erklärung finden ließ.
Max hatte die Spinne erfolgreich in einem Einmachglas verstaut und war nun damit beschäftigt, mit dem Finger noch mehr Holzwolle aus dem Hocker zu pulen. Auf seinem Gesicht lag ein träumerischer Ausdruck. »Ist irgendwie cool, der kann von sonst woher kommen.« 
»Tja«, meinte Maya, »aber genau dieses ›sonst woher‹ wüsste er gerne.« Sie seufzte. »Er sah so furchtbar unglücklich aus.«
Fiona biss sich nachdenklich auf ihre Unterlippe »Ich hab keine Ahnung, wie wir ihm helfen können. Wie will man jemanden dazu bringen, sich zu erinnern?«
Eine Weile brüteten sie über diesem Problem.
»Dazu gibt es doch Seelenklempner«, überlegte Max und schüttelte sein Einmachglas, um der Spinne etwas Bewegung zu verschaffen, »das ist eigentlich ganz cool, vielleicht sollte ich das später mal werden. Psychopath.«
Fiona prustete los. »Du meinst, Psychologe.«
»Meinetwegen auch das.«
»Das würdest du nicht aushalten«, eröffnete ihm Fiona. »Da müsstest du nämlich deine Patienten reden lassen und ihnen aufmerksam zuhören, ohne sie zu unterbrechen.«
Max grunzte beleidigt. »Jetzt hast du meinem Selbstbewusstsein einen empfindlichen Stoß versetzt. Ich werde Jahre brauchen, um mich davon zu erholen.«
»Red keinen Unsinn. Dein Selbstbewusstsein kann man nicht erschüttern«, lachte Fiona.
»Und du hast so gar nichts Vernünftiges von dem verstanden, was er im Schlaf geredet hat?«, bohrte Maya nochmals nach.
»Na ja, gequatscht hat er eine Menge, aber, wie gesagt, es ergab keinen Sinn. Ich erinnere mich an etwas von einem Wasserfall, und dann wurde es ziemlich wirr. Ein paar total komisch klingende Namen waren dabei, aber die hab ich mir echt nicht merken können … ach ja, und was mit Elfen.«
Die Mädchen kicherten.
»Das ist neu«, stellte Fiona trocken fest. »Schade, dass die Silberstein nicht mehr lebt. Sie hätten sich blendend verstanden.«
 »Ihr könnt das nächste Mal ja zuhören, falls er wieder im Schlaf redet«, schlug Max vor. »Vielleicht kapiert ihr ja mehr als ich.«
»Na, danke, wie stellst du dir das denn vor? Die Säuerlich kontrolliert doch jeden Abend die Schlafräume. Sie ist ja so scharf drauf, dass keiner in einen fremden Schlafsaal geht. Puh, sie würde ausflippen, wenn sie jemanden dabei erwischt!« Fiona schauderte bei dem Gedanken, von ihr ertappt zu werden.
»Also ich«, meinte Maya langsam, »finde die Idee gar nicht so schlecht.«
»Tatsächlich?« Fiona runzelte die Stirn. »Aber wäre das nicht irgendwie … fies? Angenommen, dich belauscht jemand beim Träumen – wie kämst du dir vor?«
»Hm …« Maya stützte ihr Gesicht in beide Hände und starrte vor sich hin. »Ich weiß nicht … blöd ist es schon … Wenn es ihm aber doch weiterhilft? Ich meine, jeder von den Jungs im Schlafsaal kann es ja hören. Und wenn einer von uns zuhört, und es ihm erzählt, dann fällt ihm vielleicht alles wieder ein!«
»Du hast eindeutig so ein Helferdings.« Max verdrehte die Augen. »Syndrom«, berichtigte Fiona, »und das hat dir schon oft Ärger eingebracht. Denk nur mal an dieses Rattenungeheuer.«
Maya hatte während eines Ausflugs eine erschöpfte Bisamratte gerettet, die über ein Kanalrohr in einen künstlichen Fischteich mit so glatten Wänden gefallen war, dass sie das Herausklettern nicht mehr geschafft hatte. Als es Maya gelungen war, die Ratte mit Hilfe eines Astes herauszufischen, hätte das dumme Tier beinahe Andi gebissen. Es hatte einen gigantischen Aufruhr gegeben, und Maya hatte eine Woche lang täglich die Toiletten schrubben müssen.
»Ja, und da war noch die Sache mit der Krötenfamilie, die …«
»Ach, Max, hör auf«, unterbrach ihn Maya. »Das hier ist doch was völlig anderes.«

Maya lag im Bett und lauschte auf die gewohnten Geräusche. Da die Vorhänge nicht ganz zugezogen waren, tauchte der Mond den Raum in sanftes Licht, und sie konnte die Umrisse ihrer Zimmergenossinnen klar erkennen. Die meisten Mädchen schliefen bereits, und man hörte ringsum regelmäßiges Atmen, ab und zu unterbrochen von ein paar Schnarchtönen. Frau Säuerlich hatte ihren Rundgang schon beendet und war inzwischen wohl selbst zu Bett gegangen. Maya war viel zu hibbelig, um wirklich müde zu sein. Sie grübelte über ihren Plan nach und dachte an Larin. Er war heute nicht zum gemeinsamen Essen erschienen. Eine Schülerin hatte erzählt, Frau Olm-Grottendunk hätte ihr verraten, dass Frau Säuerlich mit ihm zu einem Arzt in die Stadt gefahren wäre. Maya hatte ihn seit ihrer Unterhaltung im Garten nicht mehr gesehen. Dafür hatte sie den Anblick von Qualle und Co. ertragen müssen, die im Gemeinschaftsraum immer wieder nachspielten, wie sie einem Hund irgendwelche Befehle erteilten. Maya fand, dass Wanze als Hund geradezu intelligent gewirkt hatte.
›Hoffentlich wacht Max auf, wenn Larin im Schlaf spricht, … falls er wieder im Schlaf spricht‹, dachte sie und drehte sich auf die andere Seite. Max war auf die Idee gekommen, sein Mathebuch unter sich zu legen, um es möglichst unbequem zu haben. Maya bezweifelte stark, dass Max sich durch solche Maßnahmen vom Tiefschlaf würde abhalten können. Allerdings hatte er überzeugend versichert, dass es schon aus lauter Abscheu gegen sein am meisten gehasstes Fach funktionieren würde. Er schien hochzufrieden zu sein, endlich eine passende Verwendung für dieses nutzlose Buch gefunden zu haben. Schließlich fiel sie selbst in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte von einem Hund, der über eine Wiese sprang und Stöckchen holte. Als sie auf ihn zuging, knurrte er, und sein Kopf verwandelte sich in das Gesicht von Qualle. Sie hob die Hand, um ihn abzuwehren, da fühlte sie, wie etwas sie festhielt. Sie wollte um sich schlagen, als eine Stimme zischte, »Mensch, wach doch endlich auf!«
Max rüttelte sie am Arm, und Maya öffnete die Augen und setzte sich mit einem Ruck im Bett auf. »Hat …«
Max legte den Finger an die Lippen und gab ihr mit der Hand ein Zeichen, mitzukommen.
Maya glitt aus dem Bett, und sie schlichen auf Zehenspitzen zur Tür hinaus auf den Flur. Max drehte sich zu ihr um und wisperte: »Pass auf, der Boden hat da vorhin ziemlich laut geknarrt.« Er deutete auf die besagte Stelle des vom Mondlicht schwach beschienen alten Dielenbodens im Flur. Sie versuchten, mit einem großen Schritt möglichst lautlos darüber zu kommen.
KRACK. Das Geräusch – in der nächtlichen Stille um ein Vielfaches lauter als sonst – ließ sie nervös zusammenfahren. Unwillkürlich warf Maya einen Blick hinter sich in Richtung der Tür, die über einen kleinen Flur zu den Räumen der beiden Hausdrachen führte. Die Säuerlich war dafür bekannt, dass sie Flöhe husten hören konnte. Äußerst langsam bewegten sie sich über die antiken Holzdielen am Studierzimmer vorbei, das die beiden Schlafsäle voneinander trennte und betraten vorsichtig den Jungenschlafsaal. Hinten in der Ecke, neben dem Bett von Max, lag eine zerschlissene Matratze auf dem Boden. Dort wälzte sich der Junge unruhig hin und her und stöhnte und murmelte im Traum. Sie tappten näher. Maya beugte sich über ihn und lauschte angestrengt eine Weile. Mit ratloser Miene drehte sie sich in Max’ Richtung, zuckte mit den Schultern und flüsterte ihm schließlich ins Ohr: »Das ergibt wirklich keinen Sinn, ich …«
Weiter kam sie nicht. Die Tür, die sie einen Spalt breit offen gelassen hatten, wurde aufgestoßen, und das grelle Licht einer Lampe fiel herein.
Geistesgegenwärtig hechtete Max in sein leeres Bett daneben und zog mit einem Handgriff die Decke über sich. Nur Maya hatte nichts, wo sie sich verstecken konnte. Starr vor Schreck blinzelte sie ins Licht.
Frau Säuerlich kam mit erhobener Lampe näher. Ein paar Jungen drehten sich im Schlaf auf die andere Seite, wachten aber nicht auf oder stellten sich ganz einfach schlafend. Aus Max’ Richtung kam ein erschrockenes Keuchen.
›Sie sieht aus wie eine Katze, die sich auf eine fette Maus freut‹, dachte Maya. ›Gleich leckt sie sich die Lippen.‹ Seltsamerweise fühlte sie indes weniger Angst als Wut in sich aufsteigen.
»Wen haben wir denn da?«, schnurrte die Leiterin. »Du weißt, welche Strafe dein Verhalten nach sich zieht?«
Natürlich wusste das Maya. Oft genug war ihnen mit 30 Stockhieben gedroht worden, sollten sie im falschen Schlafsaal erwischt werden. Sie hatten Witze gerissen, warum wohl die Säuerlich gerade auf die Einhaltung dieser Regel einen derart übertrieben großen Wert legte; allerdings hatte sich bis heute jeder daran gehalten, obwohl viele annahmen, dass diese absurde Drohung lediglich zur Abschreckung dienen sollte. Die üblichen Bestrafungsmethoden für teilweise lächerliche Übertretungen waren auch so schon gemein genug. Keiner wollte stundenlang in der fensterlosen Abstellkammer eingesperrt werden oder von morgens bis abends trockenes Brot vorgesetzt bekommen. Maya konnte sich recht gut an Beatrice erinnern, die während des Unterrichts weinend mit einem Schild um den Hals auf einem Stuhl stehen musste, auf dem stand: ›Ich darf nicht schwätzen‹. Bei Qualle hätte das weniger funktioniert, aber den konnte man mit Essensentzug drankriegen. Falls jemand es wagte, gegen eine ›Erziehungsmaßnahme‹ aufzumucken, ließ Frau Säuerlich es an den Kleinen aus oder verhängte Gruppenstrafen. So hatte man nur die Möglichkeit, sich zu fügen oder sich den Zorn derer zuzuziehen, die stellvertretend Strafarbeiten aufgebrummt bekamen.
Maya reckte trotzig das Kinn vor. Egal, was nun kam, sie würde jedenfalls keine Schwäche zeigen.
»Klar weiß ich das.« Erleichtert stellte Maya fest, dass ihre Stimme nicht zitterte. Das gönnte sie dieser bösartigen Frau nicht. Ein heimtückisches Leuchten glomm in deren Augen auf. Sie packte Maya am Arm, schob sie aus dem Schlafsaal und zerrte sie die Treppe hinunter.
Sie gingen durch den holzgetäfelten Flur in das Büro der Leiterin. Hier hinein wurde man im Allgemeinen nur geholt, wenn man etwas angestellt hatte. Es roch unangenehm muffig. Der Tür gegenüber stand ein riesiger Schreibtisch aus dunklem Holz.  Über ihm befand sich ein Porträt des Gründers dieses Heimes. Seine Augen schienen Maya finster anzustarren. Daneben an der Wand hing der Rohrstock.
»Wer war noch dabei?«
Maya durchlief es heiß. Hatte diese Frau doch mehr mitgekriegt oder war es bloß eine Vermutung? 
»Niemand«, log Maya. »Ich wollte nur den fremden Jungen sehen.«
Ihre Erleichterung darüber, dass Frau Säuerlich nicht weiter nachforschte, hielt nicht lange an. Mit einem ungläubigen Ausdruck im Gesicht verfolgte Maya gebannt jede Bewegung dieser grässlichen Person, als sie tatsächlich auf den Stock zuging und ihn beinahe andächtig von seinem Platz nahm. Das konnte nicht wahr sein!
»Soso. Du wolltest also den Jungen sehen … Streck deine Hand aus«, zischte die Heimleiterin und prüfte genüsslich die Biegsamkeit des Rohrstocks.
Maya versteifte sich. Sie spürte, wie eine Welle des Hasses in ihr emporstieg. ›Nein, ganz bestimmt nicht!‹, dachte sie fassungslos, ›dazu kann sie mich nicht zwingen.‹ Einen Moment lang erwog Maya, einfach zur Tür hinauszuspazieren – sollte dieses kranke Miststück doch versuchen, sie aufzuhalten!
»Du hast die Wahl …«, Frau Säuerlich kam so dicht an sie heran, dass Maya kleine Spucketröpfchen ins Gesicht bekam, »entweder du tust, was ich dir sage, oder andere zahlen für dich.«
Maya wurde übel. Entsetzt stellte sie sich Fiona vor und den kleinen Max. Niemals, niemals würde sie zulassen, dass ihre Freunde für sie büßen mussten! Maya tat, wie ihr befohlen worden war. Sie streckte die Hand aus. Ihre Züge wurden ausdruckslos und sie fixierte einen Punkt an der Wand. »Nicht schreien, ich darf nicht schreien«, versuchte sie sich zu konzentrieren, als der Rohrstock auf ihre Handfläche niedersauste. Es brannte wie Feuer. Nach 25 Hieben spürte Maya, wie die angeschwollene Haut aufplatzte und Blut heraussickerte. Es mussten mehr als 30 Schläge gewesen sein, als Frau Säuerlich endlich innehielt. »Mal sehen, ob dich das kleinkriegt, wenn du dich so gern nachts bei den Jungen rumtreibst.« Die schmalen Lippen der Frau verzerrten sich zu einem gemeinen Grinsen, und die Augen funkelten kalt und böse.
Mit einer Bewegung des Kopfes deutete sie Maya an, sich wieder in ihr Bett zu verziehen. Maya gehorchte schweigend. Während sie die Stufen hochrannte, fühlte sie, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen, die sie die ganze Zeit so mühsam zurückgehalten hatte. Sie stürzte ins Badezimmer und ließ kaltes Wasser über ihre Hand laufen. Dann warf sie sich aufs Bett und zog sich schluchzend und am ganzen Körper zitternd die Decke über den Kopf. ›Nein, ich lasse mich nicht kleinkriegen‹, schwor sie sich. ›Niemals!‹

In dieser Nacht nahm ein Gedanke in ihr endgültig Gestalt an. In den letzten Monaten hatte er sie wie ein hartnäckiger Schwarm Krähen umschwirrt. Zu Anfang hatte sie ihn verscheucht und gehofft, dass die Heimleitung aufs Neue wechseln würde und damit das Problem gelöst wäre. Außerdem war er gewagt und hatte ihr Angst gemacht. Doch dann hatte er sich in ihren Kopf eingenistet und nun stand er auf einmal klar vor ihr: Sie musste endlich fort von hier.
Der nächste Morgen begann mit strahlendem Sonnenschein. Obwohl die Sonne noch nicht die Kraft hatte, ernsthaft Wärme zu bringen, sah die Welt draußen gleich viel freundlicher aus.
Nicht so die Welt im Haus. Maya erwachte früher als die anderen, weil ihre Hand schmerzte. Sie ging ins Badezimmer. Von nebenan drang Frau Säuerlichs Weckruf an ihr Ohr. Beim Klang dieser Stimme fühlte Maya Übelkeit in sich aufsteigen. Sie spürte, wie die Wut in ihr hochkroch und ihr die Brust zusammenschnürte. ›Dieses widerliche Biest … Ich halte das hier nicht länger aus, es geht einfach nicht mehr‹, dachte sie. Bis jetzt hatte sie mit Fiona und Max immer eher scherzhaft über eine gemeinsame Flucht gesprochen, aber inzwischen fand sie die Situation unerträglich.
Vorsichtig kühlte sie ihre Hand mit Wasser. Die blutigen Striemen fingen bereits an zu verkrusten, sahen aber nach wie vor schlimm aus; die Schwellung und die Blutergüsse würden eine Zeitlang sichtbar bleiben.
»Was ist das denn?« Maya hörte Fionas entsetzte Stimme hinter sich. »Uuh.« Fiona sog die Luft ein und starrte auf Mayas Hand. »Sie hat dich erwischt!«
Maya nickte.
»Die ist vollkommen irre, dich so zu schlagen! Ich hätte nicht gedacht, dass sie jemanden wirklich blutig schlägt. Dieses grässliche Biest! Dafür sollte man sie anzeigen!«
»Bei wem denn?« Maya zuckte mit den Schultern. »Und wer glaubt mir? Du erinnerst dich? Als wir uns vor zwei Jahren über die Säuerlich beschwert haben? Letztendlich hat sie dann diesem Typen von der Behörde eine Fantasiegeschichte aufgetischt. Und als es drauf ankam, unsere Aussage zu bestätigen, haben hier alle feige gekniffen. Vielleicht war es auch ganz gut so. Stell dir vor, die hätten das Heim ganz geschlossen, veraltet, wie es ist. Wer sagt uns, dass wir gemeinsam woanders untergekommen wären?«
Fiona schluckte. »Stimmt, du hast recht. Aber so schlimm wie bei dir hat sie’s noch bei keinem gemacht.«
»Ich bin eben ihr spezieller Liebling.« Maya grinste schief.
Beim Frühstück saßen alle schon am Tisch, als Larin zur Tür hereinkam. Einige Mädchen fingen an zu kichern. Larin tat so, als würde er nicht bemerken, dass ihn alle anstarrten und setzte sich möglichst abseits ganz ans andere Ende der langen Tafel. Maya stellte zufrieden fest, dass er nicht mehr hinkte. Qualle konnte es nicht lassen, mit der Zunge zu schnalzen und so zu tun, als würde er einen Hund heranlocken wollen, und seine Kumpel kringelten sich lautlos. Maya war zum ersten Mal dankbar, dass Frau Olm-Grottendunk mit am Tisch saß, so blieben die Gemeinheiten wenigstens pantomimisch.

Heute war Samstag und deshalb unterrichtsfrei. Wer keinen Abspül- oder Putzdienst hatte, drängte nach draußen, denn das gute Wetter war verlockend. Fiona und Max gehörten zu den weniger Glücklichen. Missmutig schnappten sie sich ein mit schmutzigem Geschirr vollgestelltes Tablett und verschwanden in der Küche. Larin hatte sich vorhin als einer der Ersten in den Garten verzogen. Maya überlegte gerade, ob sie ihm folgen sollte. Sie hatte irgendwie doch ein schlechtes Gewissen wegen der vorigen Nacht und das Gefühl, sich in etwas Privates hineingedrängt zu haben. Nur zu gerne hätte sie mit ihm darüber gesprochen.
»Maya?« Maya fuhr herum. Larin stand hinter ihr und grinste sie an.
»Ups, ich ha-hab dich hinter mir gar nicht sehen gehört«, stotterte Maya. ›Was rede ich bloß für einen Schwachsinn?‹, schoss es ihr durch den Kopf. Sie verfärbte sich passend zu den Küchenfliesen kräftig rosarot.
Larins Lächeln wurde breiter. »Läufst du mit mir zum Waldrand?«
Der Waldrand begrenzte den Garten nach Süden hin. Sie schlenderten schweigend in diese Richtung los, und Maya kramte in ihren Gehirnwindungen nach einer Erklärung für ihr Verhalten in der Nacht. Sie hatte ihn heimlich beobachtet – was hatte sie sich bloß dabei gedacht? Die Sache gar nicht zu erwähnen, schien ihr feige und unehrlich zu sein, und das entsprach so gar nicht ihrer Art.
»Was ist eigentlich heute Nacht passiert?« Larin nahm ihr die Arbeit ab. »Ich bin nur so halbwach geworden, das lag vermutlich an dem Schmerzmittel, das sie mir gegeben haben. Irgendwo kam ein Licht her, und ich glaube, ich hab dich mit dieser Frau rausgehen sehen.«
Maya seufzte. »Ich hatte die blöde Idee, dass ich dir, na ja, beim Träumen zuhöre, weil du dich doch nicht erinnern kannst, und Max hat gesagt, dass du da was geredet hast, was interessant ist, ich meine, für dich interessant ist, weil es dir beim Erinnern hilft, und es tut mir leid, wenn es blöd war, weil … es geht mich nichts an, ich weiß, aber ich wollte dir so gerne helfen, aber verstanden hab ich eh nur … also, ich meine, genau genommen klang es ziemlich schwachsinnig, oh nein, ich habe nicht gemeint, dass du … ach ja, wie geht’s deinem Bein, ich …«
Von Larin kam ein merkwürdiges Geräusch. Maya äugte vorsichtig zu ihm hinüber. Er lachte.
Ihr Herz schlug einen kurzen Salto. »Du bist also nicht sauer deswegen?«
»Nein. Natürlich nicht. Hast du Ärger deshalb bekommen?«
»Äh …« Maya dachte an ihre Hand. »Nicht der Rede wert.«
Sie liefen eine Zeitlang wortlos nebeneinander her.
»Was meinst du, hilft es mir nun beim Erinnern?«
»Ach so, es war … nun, nicht sehr deutlich. Auch nicht wirklich … na ja … logisch
»Du meinst, ich hab einfach nur Quatsch geträumt?« Larin zog die Augenbrauen hoch und grinste.
Maya musste ebenfalls lachen. »Sagen wir, es war ungewöhnlich. Du hast von einem Wasserfall geträumt, und, äh, von Elfen.«
»Ja, und?«
Verunsichert sah Maya ihn an und holte tief Luft. Die Worte sprudelten aus ihr heraus. »Irgendwer hat dich verfolgt und wollte dich ermorden, wahrscheinlich war es ein Albtraum, ich träume auch immer so ein Zeug, und dann hat dich ein Kerl gerettet mit seinem, äh, Zauberstab, und ihr seid den Wasserfall runter oder so und habt außerdem noch ein Pferd mitgenommen, und jetzt sag nicht, dass das kein ziemlicher Blödsinn ist.«
»Finde ich nicht.«
»Das findest du nicht?«, fragte Maya vorsichtig.
»Ach so. Bei euch … ihr habt ja nicht …« Er klappte den Mund zu und schwieg.
Maya fielen tausend Fragen ein, aber sie wusste nicht recht, welche sie zuerst stellen sollte. Vielleicht war es überhaupt besser, gar nichts zu sagen, bevor sie wieder nur peinlich unsinnige Sätze formulierte, die ihn verwirrten.
»Wie ist es hier so für dich? Ich meine, bist du schon lange in diesem Haus?« Erneut war es Larin, der zuerst das Wort ergriff.
»Ooch, ich bin hier, seit ich denken kann. Ich wurde als Baby gefunden und an der Tür abgegeben.« Maya zerpflückte die vertrockneten Samenkapseln einer Wildblume. »Es war nicht immer so schrecklich. Als ich klein war, gab es im Heim keine großen Kinder. Ich denke, sie achten darauf, dass wir vom Alter her einigermaßen zusammenpassen. Ursprünglich gibt es einen zusätzlichen Erzieher, den Herrn Sauerbier, aber der ist seit über einem halben Jahr krank. Es hieß immer, dass er bald wiederkommt, aber aufgetaucht ist er nicht mehr. Vielleicht hat er es mit den zwei Frauen nicht ausgehalten, sie haben sich immer gestritten. Früher hat er Ausflüge mit uns gemacht, aber die Säuerlich war dagegen. Ich glaube, sie hat ihn ziemlich fertiggemacht. Sie ist seit drei Jahren bei uns, und die Olm-Grottendunk kam kurz nach ihr. Sie haben sich bereits vorher gekannt, wahrscheinlich hat die Köchin deshalb die Stelle hier gekriegt. Die frühere Köchin war toll, eigentlich wie eine Mutter … zumindest stell ich mir eine Mutter so vor.« Mayas Stimme wurde leise. »Sie hat mit uns gespielt und uns Geschichten erzählt … an die Geschichten erinnere ich mich am liebsten.« (›Jetzt erzähl ihm bloß nicht von den Kindermärchen‹, dachte Maya). Ihre Gedanken schweiften zurück in ihre früheste Kindheit. Sie meinte sogar den lieblichen Duft von Maiglöckchen in der Nase zu haben, der Genevra Silberstein immer wie eine feine Wolke umweht hatte. Verstohlen blinzelte sie eine Träne fort. »Hm.« Larin fand offensichtlich eine vorbeibrummende Hummel so faszinierend, dass er ihr seine gesamte Aufmerksamkeit widmen musste. 
›Er sieht so traurig aus‹, überlegte Maya, ›kein Wunder, wie würde ich mich fühlen, wenn ich ein schwarzes Loch in meinem Kopf hätte, wo eigentlich das Gedächtnis sitzen sollte.‹ Sie betrachtete ihn nachdenklich von der Seite. »Du kannst dich gerne mit zu uns an den Tisch setzen.«
»Danke.«

Beim Mittagessen hatte Larin sich wirklich zu ihnen an den Tisch gesetzt.
Maya war froh, dass Fiona ihn auch sympathisch fand, denn die Meinung ihrer besten Freundin bedeutete ihr außerordentlich viel.  
Das Essen war heute tatsächlich in seinen einzelnen Bestandteilen erkennbar, diesmal hatte es nicht einmal Frau Olm-Grottendunk geschafft, Pellkartoffeln in braune oder grüne Pampe zu verwandeln. Auf jeden Fall hatte sie sich heute selbst übertroffen, denn sie hatte sich in ein pink-orange gestreiftes Kleid gezwängt, dessen Farben mit dem Seidenschal im bunten Blumenmuster um die Wette schrien. Max zwinkerte ungläubig, als er die Ohrringe mit dem schaukelnden Papagei entdeckte. Er versuchte, sein Gelächter durch einen vorgetäuschten Hustenanfall zu tarnen. Frau Olm-Grottendunk fixierte ihn misstrauisch. »‘Tschuldigung«, keuchte Max und bemühte sich um einen möglichst unschuldigen Gesichtsausdruck, was ihn aber grundsätzlich noch verdächtiger machte. »Hab mich vor Schreck verschluckt, ich glaub, mir ist da so ein bunter Käfer ins Auge geflogen.« 




Die Hunde spürten es als Erste und suchten mit eingezogenem Schwanz Zuflucht. Dann riefen die Menschen eilends nach ihren Kindern, zerrten sie ins Haus und schlugen die Türen zu. Die Nixen tauchten tief in den Sanguin ein, in der Hoffnung, diese dunkle Erscheinung möge an ihnen vorüberziehen. Es wirkte, als hätte man das Blau des Himmels mit schwarzer Tusche getränkt. Der Fleck vergrößerte sich rasend schnell.
Der kleine Junge hatte mit seinem Großvater am Fluss gespielt, und nun waren sie hinter einem Felsen am Ufer in Deckung gegangen. Sie kauerten sich zitternd auf den Boden, und der alte Mann gab ihm ein Zeichen, keinen Laut von sich zu geben. Ein nicht enden wollendes, grässliches Kreischen aus rauen Kehlen ertönte. Das grauenvolle Geräusch machte den Eindruck, von überall her zu kommen, und jetzt schrien auch die Menschen. Der Kleine hielt sich verzweifelt die Ohren zu und schloss die Augen. Als es endlich still wurde und er sie wieder öffnete, war das Wasser des Sanguin blutrot.


Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Geruch, dessen wurde sich Maya bewusst, als sie erwachte. Sie lag neben ihrer besten Freundin Fiona im Bett des Elfenhauses hoch oben im Baumwipfel der uralten Linde. Die Klarheit des frühen Sommers umgab sie. Es hatte geregnet in der Nacht, und die Luft war erfüllt von dem frischen, würzigen Duft des Waldes von Eldorin. Ein Zauber schützte die Häuser der Elfen, sodass sie kein Dach benötigten, und das Mädchen blickte direkt in das Astgewirr über sich. Die warme Sonne drang schräg hindurch und ließ die Regentropfen in allen Farben glitzern; sie perlten von den durchscheinenden Blättern des mächtigen Baumes, fielen herab und schienen sich plötzlich in Luft aufzulösen. Maya strich sich eine braune Strähne ihres langen Haares aus der Stirn, streckte sich zufrieden und sah eine Weile einer winzigen Glimmerfee zu, die glucksend auf einer Ranke der weiß blühenden Clematis schaukelte, die die Linde erklommen hatte. Der Unterschied zu dem schrecklichen Waisenhaus in der Menschenwelt, in dem sie die fünfzehn Jahre ihres bisherigen Lebens verbracht hatte, hätte nicht krasser sein können.
Sie schlug die seidenweiche Bettdecke zurück und kroch an den Rand des geräumigen, mit prachtvollen Schnitzereien verzierten Bettes. Von Fiona waren lediglich wirre rote Locken zu erkennen, da sie sich unter der Decke wie eine Haselmaus zusammengeringelt hatte. Maya beschloss, sie noch ein wenig schlafen zu lassen, glitt aus dem Bett und tappte mit nackten Füßen ins angrenzende Badezimmer. In Windeseile machte sie sich fertig, da sie annahm, Larin auf der Veranda anzutreffen, wo er normalerweise mit ihnen frühstückte.
Sie war Waltraud und Wilbur dankbar, dass sie sich nicht beschwerten, ihren Pflegesohn so selten zu Gesicht zu bekommen, zumal sie erst vor wenigen Tagen aus dem Nebelwald zurückgekehrt waren. Besonders für Waltraud waren die Geschehnisse ein Schock gewesen. Sie hatte immer um die Gefahr gewusst, in der Larin schwebte. Der Schattenfürst musste das Königsgeschlecht Amadur auslöschen, um die vorhergesagte Geburt des künftigen Friedenskönigs zu verhindern. Bereits als kleines Kind war Larin dem Massaker an seiner Familie nur knapp entronnen, und nun war ein weiterer Albtraum wahr geworden: Er hatte dem Schattenfürsten gegenübergestanden. Dass er hatte entkommen können, grenzte an ein Wunder. So überraschte es nicht, dass Waltraud Larin gebeten hatte, er möge wenigstens zum Übernachten nach Hause kommen, und er hatte ihr diesen Wunsch erfüllt. Max hatte Larins Abwesenheit prompt schamlos ausgenutzt und in ihr gemeinsames Zimmer in der Linde einen tarnfarbenen Molluskenschleimer geschleppt. Er war ziemlich schnell aufgeflogen, da das Weichtier ihm nachts übers Gesicht gekrochen war und der blaue Schleim äußert hartnäckig haften blieb.
Um Fiona nicht zu wecken, schlich sie sich leise aus dem Zimmer und sprang die Treppe hinunter, durchquerte Speise- und Wohnzimmer und trat hinaus auf die Veranda hoch oben in den Astgabeln der knorrigen Linde, wo Larin bereits an dem großen Esstisch saß und auf sie wartete.
Außer ihm waren Luna und Anais anwesend und natürlich ihre Söhne Stelláris und der fünfjährige Elysander, der eindeutig die nachtschwarzen Haare und tiefdunklen Augen seiner schönen Mutter geerbt hatte, während Stelláris nach seinem Vater kam, dessen silberhelles Haar wie Mondlicht glänzte.
»Guten Morgen.« Maya strahlte in die Runde. Die Elfen wandten ihr lächelnd ihre makellosen, ebenmäßigen Gesichter zu.
»Gesegnet sei dein Tag«, erwiderte Anais.
Maya nahm neben Larin Platz, und er begrüßte sie mit einem flüchtigen Kuss. Ein wenig verlegen schob sie sich eine ihrer Locken hinters Ohr. Die Gefühle, die er in ihr hervorrief, waren immer noch ungewohnt für sie, und sie konnte einfach nicht anders, als ihn fasziniert zu betrachten. Zwar war es für Menschen unmöglich, das perfekte Aussehen der Elfen zu besitzen, aber Larin sah ihnen auf eine gewisse Weise ähnlich. Sein Haar war von ebenso tiefschwarzer Farbe, er hatte verwirrend schöne dunkelbraune Augen und ein außergewöhnlich hübsches, schmales Gesicht mit einer geraden Nase und feingeschwungenen Lippen. »Was?« Maya blinzelte verdutzt, denn er hatte sie mit dem Ellbogen leicht angestupst.
»Anais hat dich etwas gefragt.« Belustigung schwang in seiner Stimme mit.
»Oh, Entschuldigung«, stotterte sie und bemerkte, dass Anais amüsiert eine Augenbraue nach oben gezogen hatte. Geduldig wiederholte er seine Worte und brachte mit seinem Vorschlag Maya zum Strahlen. »Du würdest wirklich einen passenden Bogen für uns heraussuchen?« Tags zuvor hatte sie sich mit Stelláris über das Bogenschießen unterhalten, und sie hatte lediglich erwähnt, wie gerne sie es lernen würde. Nie hätte sie damit gerechnet, dass Anais sich so rasch darum kümmern würde. Vom Waisenhaus her war sie es nicht gewohnt, dass sich jemand für ihre Wünsche oder Träume interessierte.
»Ich bin noch zu klein.« Elysander blickte missmutig drein. »Papa sagt, ich kann die Sehne nicht spannen. Wenn ich groß bin, erlege ich einen Höhlentroll!« Er tat so, als würde er einen Pfeil von der Sehne schnellen lassen.
»Ich bin dabei!« Max hatte den imaginären Schuss noch mitbekommen und warf sich auf einen Stuhl. Er sah aus, als hätte er es nach dem Aufstehen äußerst eilig gehabt, auf die Veranda zu gelangen. Sein stets verstrubbeltes dunkelblondes Haar stand noch wilder als sonst nach allen Seiten ab, und er trug das Oberteil falsch herum mit den Nähten nach außen. Quer über die Stirn lief ein Schmutzstreifen, der wohl noch von dem misslungenen Unterfangen des vergangenen Abends stammte, einen der kleinen, pelzigen Farnwichte aus einem ihrer Gänge zu graben. »Hmmm, Waldbeertörtchen!« Er stopfte sich ein halbes in den Mund. »Darf ich daf auch? Bogenfiefen?«
»Falls du den Mund freibekommst«, meinte Larin. »Stelláris und ich werden es euch beibringen. Wenn ihr Lust habt, können wir es heute Nachmittag mal versuchen. Du kannst meinen alten Bogen haben, der müsste für deine Größe passen.« Er beugte sich zu Max vor und raunte ihm zu: »… und sofern du von Fiona bis dahin nicht zwangsgebadet werden willst, rate ich dir, die Erde aus dem Gesicht zu waschen.«
Max grinste breit, was wegen der Törtchenhälfte im Mund nicht ratsam war. Hastig würgte er sie hinunter und wischte sich die Krümel vom Hemd. »Wird erledigt! Aber … zeigst du mir das Bogenschießen schon heute Vormittag? Nur mir allein?« Vor Aufregung bekam er ganz rote Ohren. »Bitte! Grad haben die Sommerferien angefangen!« Er hielt einen Moment lang inne. »Na schön, Zauberkunst bei Herrn Frankenberg ist cool.«
Larin sah zu seiner Freundin hinüber. »Eigentlich wollten Maya und ich …«
»Schon in Ordnung«, erklärte Maya.
»Also gut«, willigte Larin nach kurzem Zögern ein. »Gleich nach dem Frühstück holen wir meinen alten Bogen. Aber nur für eine Stunde.«
Maya nickte Larin dankbar zu. Sie bedauerte es ebenso sehr wie er, dass sie wieder keine Gelegenheit hatten, endlich einmal Zeit füreinander zu finden. Aber sie wusste, dass Max sich zurückgesetzt und vermutlich ziemlich überflüssig fühlte. Obwohl Max mit seinen dreizehn Jahren um einiges jünger war als Fiona und sie, waren sie immer unzertrennlich gewesen.
»Tut mir leid, ich habe verschlafen …« Ein wenig schuldbewusst trat Fiona aus der Tür und ließ sich neben Stelláris nieder. Maya schmunzelte in sich hinein, als sie bemerkte, wie fasziniert der junge Elf sie betrachtete. Das warme Sonnenlicht, das unregelmäßig durch die Blätter fiel, tanzte in ihren roten Locken und ließ sie leuchten, sodass sie ein bisschen wie Feuerzungen wirkten. Maya wusste, dass Elfen mit Gefühlsäußerungen zurückhaltender waren als Menschen, weshalb sie sich nicht wunderte, dass Stelláris Fiona nicht zur Begrüßung küsste. Allerdings sah er aus, als würde es ihm schwerfallen, es nicht zu tun.
»Du kannst so lange schlafen, wie du möchtest.« Luna lächelte Fiona liebevoll zu. »Wenn erst das Fest Sha-alil beginnt, werdet ihr nicht viel zum Ausruhen kommen. Es wird diesmal bei den Wasserelfen in Nardis stattfinden.«
»Sha-alil!« Maya bekam glänzende Augen. »Haben die Elfen, die im Nebelwald geblieben sind, schon etwas über die Bergelfen herausgefunden?«
»Sie sandten uns eine Taube mit der Nachricht, dass sie Kontakt zu ihnen aufnehmen konnten«, antwortete Luna. »Die Bergelfen, die die Drachen hüteten, vertrauten ihnen tatsächlich den Aufenthaltsort der letzten Überlebenden ihres Volkes an. Einst war ihre Heimat die trutzige Felsenstadt Nebron auf dem sonnenbeschienenen höchsten Gipfel des Ebulongebirges. Doch nun ist sie fern davon jenseits des Nebelgebirges im Osten zu suchen. Es ist gut, dass das Fest erst in knapp einem Monat losgeht. Für die Unsrigen ist es ein weiter Weg bis zu dem Exil und schließlich zurück nach Eldorin. Dazu kommt die zweitägige Reise zum Wasserelfenreich Nardis, das südlich von uns liegt. Die Spanne von vier Wochen benötigen wir dringend. Wir können Sha-alil nicht verschieben. Es fängt seit ewigen Zeiten zum ersten vollen Mond im Juli an. Diesmal wird der Monat bereits am Vergehen sein, wenn die helle Nacht beginnt.«
Maya wusste, wie wichtig die Aussöhnung mit den Bergelfen war. Die Macht der Elfen schwand durch Uneinigkeit. Der Feind hatte dieses Wissen zu seinem Vorteil benutzt, indem er die Bergelfen durch eine List zu seinen Verbündeten gemacht hatte.
Nun richtete Anais das Wort an Larin. »Ich hatte vorhin ein Gespräch mit deinen Pflegeeltern. Waltraud und Wilbur sind der verständlichen Meinung, dass es für dich äußerst gefährlich ist, zu den Wasserelfen zu reisen …«
»Das ist jetzt nicht deren Ernst!«, unterbrach Larin erschrocken. »Erwarten sie etwa, dass ich zu Hause bleibe?«
»Sie sorgen sich«, beschwichtigte Anais. »Und sie sind überaus unsicher, was das Richtige für dich ist. Für deine Reise nach Nardis spricht, dass nur die Menschen und die Zwerge während des Festes in Eldorin bleiben. Die Tradition erfordert, dass wir als geschlossene Gemeinschaft am Sha-alil teilnehmen. Das ist umso wichtiger, sollten die Bergelfen erscheinen. Wir müssen alles vermeiden, was sie beleidigen könnte. Der Zauber, der unsere Grenzen bewahrt, ist immer noch stark, stärker als der, der Nardis umgibt – dennoch widerstrebt es uns, dich ohne zusätzlichen Schutz in Eldorin zurückzulassen. Waltraud und Wilbur wollen letztendlich dir die Entscheidung überlassen.«
Luna sah Larin mit ihren fast nachtschwarzen Augen an. »Du bist nicht an die Tradition unseres Volkes gebunden. Wir richten uns nach deinem Wunsch. Ich vermag nicht zu sagen, wo wir dich besser schützen können.« Leise fügte sie hinzu: »Der Schattenfürst benötigt nach wie vor dein Blut. Und seine Herrschaft würde durch den zukünftigen Friedenskönig ein Ende finden. Er wird niemals aufgeben, dich zu jagen.«
»Gut, dass er von Maya nichts weiß. Oder von Leon«, erklärte Larin überzeugt. Dann zog er missmutig die schwarzen Augenbrauen zusammen. »Ich würde schon wegen der Bergelfen hingehen wollen. Ronan kennt mich. Na ja, auch wenn er vielleicht mehr Wert drauf legt, dass er Maya wiedersieht. Sie hat ihn ziemlich umgehauen.« Er zwinkerte seiner Freundin zu. »In jeder Hinsicht.«
Maya wurde prompt rot. »Blödsinn … Oh nein, erinnere mich bloß nicht … Außerdem gehe ich nicht zum Fest ohne dich.«
»Danke. Aber wir gehen beide, keine Frage.«
»Ronan wird zweifellos, sollten die Bergelfen am Fest teilnehmen, euer Erscheinen wünschen«, warf Anais ein. »Ihr habt ihm im Nebelgebirge das Leben gerettet; das ist ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt. Eure Anwesenheit kann den Friedensprozess beschleunigen.«
»Hoffentlich findet sein Onkel das auch«, murmelte Larin. »Wir haben den halben Berg in die Luft gejagt und somit sein Zuhause eingeäschert. So was hinterlässt normalerweise einen schlechten Eindruck.«
Stelláris lachte, und seine leicht schräggestellten grünen Augen blitzten. »Ich würde Sha-alil nur ungern verpassen. Es wäre das erste Mal, dass ich es bewusst erlebe; das letzte Fest liegt siebzehn Jahre zurück. Allerdings bleibe ich mit dir in Eldorin, solltest du dich hierzu entscheiden. Aber wir werden einen Weg finden, heil hinzukommen.«
»Ja.« Luna nickte. »Das denke ich ebenfalls. Ich habe bereits eine Ahnung, wie es gelingen könnte – ich muss nur unbedingt Gormack sprechen«, setzte sie etwas rätselhaft hinzu. »Doch nun entschuldigt mich. Ich werde in einer Stunde aufbrechen. Es ist wichtig, der Spur Leons zu folgen, solange wir unsere Grenzen ohne Schwierigkeiten passieren können. Das könnte sich bald ändern.«
»Du gehst durch das Tor der Wächter?«, fragte Maya gespannt.
»Ja. Ihr wisst, dass ich in eurem Land etwas über seinen Verbleib erfuhr, als ich mich auf die Suche nach deiner Herkunft machte, Maya. Wenn Leon noch lebt, muss er die Möglichkeit haben, hierher zurückzukommen. Er ist der direkte Erbe der Krone des Königreiches Amadur.«
»Und ich muss mich später mal nicht auf einen Thron setzen.« Larin streckte die langen Beine bequem aus und grinste. »Weil er in der Rangfolge über mir steht, was ihn mir sehr sympathisch macht. Sag ihm, falls er nicht freiwillig mitkommt, hole ich ihn.«
»Er wäre schön blöd, wenn er nicht hierher käme.« Max verscheuchte eine kleine Glimmerfee von dem letzten Schaumtörtchen und schnappte es sich selbst. Die winzige Fee warf ihm einen empörten Blick zu und flatterte dicht an seinem Ohr vorbei. »He!« Max fuhr sich übers Ohr. »Das Biest hat mir tatsächlich eine Brombeere ins Ohr gesteckt! Eh, das klebt!«
Fiona kicherte. »Fällt fast nicht auf. Wieso schaut dein Gesicht eigentlich immer noch so wüst aus? Das ist ein richtiges Muster! Wie kriegst du das bloß hin?«
»Ich vermute, ich hab einfach Glück«, merkte Max bescheiden an.
Fiona verdrehte die Augen. »Hey, ich hab dir gestern doch extra ein Bad eingelassen! Bist du etwa nur durch die Wanne gelaufen?«
»Quatsch, ich war drin bis zum Hals!«, protestierte Max. »Aber ich bin nicht untergetaucht.«

Über eine Stunde später saß Maya mit Larin im Zimmer der Mädchen. Viel lieber wäre sie mit ihm durch den Elfenwald mit seinen sanft flüsternden Blättern gestreift, doch sie wusste, dass man sie nicht in Ruhe lassen würde. Zwar waren die Elfen höflich und zurückhaltend, nur leider schien sich die halbe Menschensiedlung in der Nähe herumzutreiben. Es herrschte eine unglaubliche Begeisterung, weil es ihnen gelungen war, das Elixier zu vernichten, mit dem sich der Schattenfürst in ein unsterbliches Wesen hatte verwandeln wollen.
Maya hatte sich zu ihrem Freund auf das Sofa gekuschelt und bequem die Beine hochgezogen. Sie hatten sich gegenseitig aus ihrem Leben erzählt, das jeweils so anders verlaufen war und doch ähnlich, weil sie beide ohne die eigenen Eltern aufgewachsen waren. Fiona war in Stelláris’ Zimmer verschwunden und vermutlich ebenfalls glücklich, dass sie dort von niemandem ausgefragt werden konnte.
»Urgh«, ertönte plötzlich eine Stimme ganz in der Nähe. Maya und Larin fuhren auseinander. Max stand mit in die Hüften gestemmten Armen vor dem Sofa und blickte die beiden missbilligend an. »Ich finde das echt ätzend, wisst ihr? Ich war gerade bei Stelláris. Ihm und Fiona fällt auch nichts Besseres ein als rumzuknutschen. Eigentlich wollte ich fragen, ob jemand Lust auf einen Ausritt hat. Aber sie sahen so aus, als würde ich stören. Es nervt!«
Maya rutschte schuldbewusst ein Stück von Larin weg. Max wirkte so frustriert, dass sie tatsächlich ein schlechtes Gewissen bekam. Bevor sie antworten konnte, hüpfte Elysander zur Tür herein. In der Hand schwenkte er zwei handgroße Spielfiguren. »Max, schau, die hier habe ich geschenkt bekommen! Ich habe meine ganze Waldanlage auf der Veranda aufgebaut. Magst du mit mir spielen? Du darfst sogar eine von den neuen nehmen.« Er wedelte ihm mit einem silberhaarigen Elf und einer Menschenfrau vor der Nase herum.
Max sandte einen kurzen Blick zum Himmel. Hoffentlich ließ sich Elysander beim Spielen nicht vom Vorbild seines Bruders und Fionas beeinflussen. »Nee«, entgegnete er schärfer als beabsichtigt und betrachtete finster die beiden Nachbildungen in Elysanders Hand. Das Haar des männlichen Elfs war wie das von Stelláris glatt und silberfarben, während die Menschenfrau rote Ringellocken besaß und auch sonst Fiona verdächtig ähnlich sah. »Das heißt, ich spiele schon mit«, setzte er rasch hinzu, »aber ich nehme lieber die Trolle.« Das erschien ihm unbedenklicher. Trolle küssten sich nicht. Zumindest hoffte er das inständig. Möglicherweise konnte man die Rothaarige unauffällig wieder in der Spielkiste verschwinden lassen. Notfalls wurde sie einfach von einem Troll ausgeschaltet. »Okay. Hauen wir ab.«
Larin ergriff die Gelegenheit, Maya abermals an sich zu ziehen. »Wir reiten nach dem Mittagessen aus, in Ordnung?«, rief er Max hinterher. Als Antwort erhielt er ein Grunzen, und die Tür flog zu.
»Der Arme«, seufzte Maya. »Es ist wirklich nicht gerade toll für ihn.«
»Hmmm.«
»Ich meine, erst war er nur mit Fiona und mir befreundet, und dann muss er uns auf einmal mit Stelláris und dir teilen. Ich glaube, er fühlt sich zurückgesetzt.«
Larin zuckte die Schultern. Er war nicht in der Stimmung für eine Diskussion über Max’ Befinden.
»Vielleicht ist er eifersüchtig«, überlegte Maya.
»Glaub ich nicht«, murmelte Larin und strich Maya zärtlich eine vorwitzige Haarlocke aus dem Gesicht.
»Wer weiß?« Maya runzelte die Stirn. Sie fand es schwierig, sich auf ihre Argumente zu besinnen, wenn Larin sie so ansah. Sie holte tief Luft. »Wahrscheinlich ist ›eifersüchtig‹ nicht ganz der passende Ausdruck … Er muss jetzt lernen, seine Freunde zu teilen. Fiona und ich sind für ihn so was wie seine Familie, er hatte schließlich keine mehr, außer seiner alten Großtante, und die zählt nicht, weil sie ihn nicht wollte …«
Larin seufzte und ließ seine Hand sinken. »Maya. Er kommt schon damit klar. Für ihn ändert sich doch nicht wirklich etwas. Heute Vormittag ist es das erste Mal, dass wir beide endlich Zeit für uns allein haben. Genau genommen erst am Spätvormittag, da er mich ja mit dem Bogenschießen rumgekriegt hat … ohne euch, das war ihm wichtig.« Er stieß ein kurzes, amüsiertes Schnauben aus. »Kann sein, er hatte berechtigte Angst, euch zu erschießen. Ich muss Waltraud und Wilbur noch das kaputte Fenster erklären, dabei hatte ich ihm eingeschärft, dass er die Sehne erst weit weg von den Häusern auf der Wiese spannen darf. Und weil er grad am Kaputtschießen war, hat er später, als wir den Bogen zurückbrachten, mit dem Zauberstab schnell nebenbei Waltrauds Kristallvase zusammen mit einem Bilderrahmen erledigt. Keine Ahnung, was er eigentlich treffen wollte. Eine Stunde ohne einen von uns kann er wohl aushalten, oder?«
»Schon …«, murmelte Maya.
»Schau, seitdem wir zurück in Eldorin sind, sind wir ständig irgendwo eingeladen. Wir saßen sogar bei Frau Schusselbein im Wohnzimmer, die sich bisher nie meinen Namen merken konnte, und sie hat mich mit Unmengen dieser Kekse vollgestopft.«
»… die du an ihre fette Katze verfüttert hast«, unterbrach Maya grinsend. »Und deinen Namen kann sie sich nach wie vor nicht merken, sie hat andauernd ›Mein Schätzelchen‹ gesagt.«
Larin gab ein unverständliches Knurren von sich. »Ich hab vom vielen Reden vermutlich Narben auf den Stimmbändern gekriegt. Es reicht.«
»Du hast ja recht … ähem …« Sie wurde rot. Sie hatte noch etwas wirklich Wichtiges über Max sagen wollen, aber es war in irgendeine Gehirnwindung geflutscht und wollte nicht mehr auftauchen. Larin schaffte es immer wieder, sie restlos zu verwirren. Es musste mit seinen Augen zu tun haben.
»Was?«, fragte er sehr sanft und wappnete sich innerlich auf einen langen Vortrag. Maya kapitulierte normalerweise nicht so schnell, wenn sie von einer Sache überzeugt war.
»Äh … es fällt mir nicht mehr ein … ich wollte … hmm …«
Larin grinste und seine dunklen Augen funkelten. »Nicht so tragisch, erinnere dich einfach später dran.«
»Aber ich … hör auf, du bringst mich total raus!«
»Ich mach doch gar nichts!«, protestierte er.
»Ja, nein, es genügt, wenn du mich so ansiehst!« Maya versuchte, streng zu klingen. »Das ist unfair, ich wollte was Wichtiges sagen, und jetzt ist es weg.«
Larin lachte. »Du hättest mich heut früh sehen sollen. Ich hab die ganze Zeit an dich denken müssen, da hab ich nicht wahrgenommen, wo ich hinlaufe, bin gegen den Türrahmen geknallt und hab mich auch noch bei ihm entschuldigt.«
Maya kicherte und gab auf, sich erinnern zu wollen. Sie beschloss, das Problem Max auf später zu verschieben, sobald ihr Herz nicht mehr so raste, und ihre Gedanken nicht durcheinander wirbelten wie Wäschestücke in der Waschmaschine. In diesem Zustand war es vernünftig, Larins Küsse zu erwidern.
»Hhrrhm.« Dieser Laut nah an Mayas Ohr ließ sie kurz darauf zusammenfahren. Sie drehte den Kopf in Richtung Störquelle und blickte irritiert in ein äußerst hässliches, runzliges Gesicht direkt neben dem ihren. Herr Bombus, der puppengroße Flugwicht im Haushalt ihrer Gastgeber starrte abwechselnd sie und Larin aus seinen schwarzen Äuglein an. »Verzeihung«, schnarrte er und verharrte in der Luft. Seine durchscheinenden Flügelchen verursachten ein brummendes Geräusch. »Ich wollte den Herrschaften ausrichten, dass das Essen bereitet ist.«
Maya musste über Larins Gesicht lachen, der einen Moment lang so genervt aussah, als wollte er gleich ein Kissen nach dem Helfelf werfen.
»Danke, das ist sehr nett«, versicherte Larin so freundlich wie möglich, weil er fürchtete, Herrn Bombus, der recht empfindlich war, durch seinen verärgerten Gesichtsausdruck gekränkt zu haben. Der Helfelf vollführte eine steife Verbeugung in der Luft, die Maya wie immer ein wenig zum Lachen reizte, da er dabei an eine nach Futter tauchende Ente erinnerte. Obwohl er stets eine würdevolle Miene aufsetzte, wirkte er in seinem geringelten Anzug eher komisch. Auf dem Weg nach draußen flog er beinahe eine müde Glimmerfee um, die dabei war, sich ein geeignetes Plätzchen für den Mittagsschlaf zu suchen. Hektisch ergriff das kleine Wesen die Flucht und stürzte sich hinter eine Ranke der üppig blühenden Schlingpflanze, die einen Teil der Wand völlig überwuchert hatte und die Luft mit ihrem berauschenden Duft erfüllte. Herr Bombus war aufgrund seines Alters und des stark nachlassenden Sehvermögens ein nicht zu unterschätzendes Risiko für die winzigen Feen; manche von ihnen hatten blaue Flecken von einem Zusammenprall mit dem Helfelf davongetragen.
»Ist es wirklich schon Mittag?«, fragte Maya erstaunt.
»Leider«, antwortete Larin. »Immerhin reiten wir nach dem Essen aus, das hab ich echt vermisst.« Er grinste. »Max ist auf die Idee gekommen, den Bogen zum Reiten mitzuschleppen. Er will unbedingt vom galoppierenden Pferd aus schießen lernen. Wir müssen aufpassen, dass er das Ding daheim lässt, er würde vermutlich glatt Samantha erschießen.«

Auf dem Weg zur Koppel erkannte Maya bereits von Weitem, dass in der großen Herde der eleganten Elfenpferde drei riesige, grobknochige schwarze Rösser grasten, die so gar nicht ins Bild passen wollten. Es versetzte ihr einen Stich, denn eines davon war Bärbel, das Pferd von Zacharias. Der ehemalige Schwarze Reiter war ihnen ein so zuverlässiger Freund geworden, dass besonders Max nur schwer über seinen Tod hinweggekommen war.
An Bärbels Seite befand sich eine hübsche goldbraune Stute mit heller Mähne, die gleichermaßen nicht aus Eldorin stammte. Shanouk hatte sie geritten. Sie hatten sich darauf geeinigt, keinem gegenüber zu erwähnen, was er ihnen angetan hatte. Niemand brauchte zu wissen, dass er Vampirblut in sich trug und sich deshalb im Nebelwald unter dem Einfluss der dortigen Vampire in genau eines dieser Monster verwandelt hatte. Keiner hatte ihm dieses Erbe ansehen können; er wirkte eher wie ein Elf, auch wenn die goldblonden Haare ungewöhnlich waren. Lediglich einige Elfen und der Zwerg Gormack wussten darüber Bescheid, außerdem Larins Pflegeeltern. Die beiden Tanten Shanouks, die zusammen einen kleinen Laden in der Menschensiedlung betrieben, mussten natürlich ebenfalls informiert werden. Maya war froh, nicht dabei gewesen zu sein, als man ihnen die Botschaft überbracht hatte. Frau Hortensia Hage-Beauté, die zudem als Biologielehrerin an der Schule arbeitete, war zusammengebrochen. Sie hatte sich für ein paar Tage beurlauben lassen, und die Pflanzen in ihrem Gewächshaus hatten schwarze Bänder umgebunden bekommen. Wilbur hatte berichtet, dass die sensiblen Tränenwurze allesamt ein wenig schlaff anmuteten und ihre Blattränder sich kummervoll einrollten. Sie hatten Shanouk damals schwer verletzt zurücklassen müssen, und niemand wusste, was aus ihm geworden war.
Sie hatten die Pferdeweide noch nicht erreicht, als aufgeregtes Wiehern erklang. Maya lachte glücklich. »Hyadee! Du hast mich wohl vermisst?« Mayas zierliche Rappstute drängte sich ans Gatter und stampfte ungeduldig mit den Hufen. Larins Grauschimmelhengst Antares und Stelláris’ schneeweißer Orion galoppierten ebenfalls herbei und genossen die Streicheleinheiten. Die beiden wuchtigen schwarzen Stuten, die Max und Fiona geritten hatten, waren zurückhaltender, kamen aber mit Bärbel interessiert näher. Max’ Pferdedame begann, ihren Besitzer auf Leckereien zu untersuchen.
»He, du bist dreist!« Er bemühte sich, Samantha abzuwehren, die ihre große Nase in seine Hosentasche zu schieben versuchte, wo ihrer Erfahrung nach Menschen köstliche Dinge aufbewahrten. »Du bist verfressen wie immer, und du zerreißt mir meine Sachen!«, schimpfte er mit dem massigen Pferd.
»Ja«, kicherte Fiona, »deshalb passt sie auch so gut zu dir.«
»Wahnsinnig komisch«, brummte Max.

Wenig später saßen sie im Sattel und ließen die Pferde durch die mit Mohn, Goldweiderich und zarten Glockenblumen bunt getupfte Wiesenlandschaft traben. Die Sonne schien kräftig vom klarblauen Himmel und brachte die Grashalme zum Glänzen. Eldorin bestand nicht nur aus smaragdgrünen duftenden Wäldern, wo weiche Moospolster den Tritt dämpften; ein Teil davon war wogendes Grasland.
Maya ritt an Larins Seite. »Es ist schade, dass Luna schon wieder wegmusste. Ich hoffe so sehr, dass sie Leon findet.«
»Ich erst!« Larin grinste. »Obwohl – wenn ich Leons Job gekriegt hätte, wärst du Königin geworden. Da hättest du alle so richtig rumkommandieren können.«
Maya gluckste. »Klar. Solange man den König auch rumscheuchen darf? Am meisten hätte ich mich allerdings auf die tollen Kleider gefreut.«
»Ich weiß nicht, warum du die Dinger nicht magst. Dabei schaust du so schön drin aus. Ich kann mich an das rote erinnern, als du deinen Zauberstab bekommen hast. Ich hab davon geträumt.«
»Vermutlich ein Albtraum«, bemerkte Maya leichthin. Aber ihr Herz tat einen Satz. »Du würdest sie übrigens nicht so schön finden, wenn du eines tragen müsstest. Ständig hat man Angst, sich drin zu verheddern und auf die Nase zu fallen. Du kannst es gerne ausprobieren, ich leih dir eines.«
»Dann wäre meine Würde als König völlig dahin. Noch ein Grund, warum Luna Leon unbedingt aufspüren muss.«
»Das klingt extrem einleuchtend! – Sag mal, wohin reiten wir eigentlich?« Maya ließ ihren Blick über die sonnendurchflutete Landschaft schweifen. »Nur so in der Gegend rum, oder haben wir ein Ziel? Irgendwas kommt mir hier bekannt vor.«
»Wir haben eindeutig ein Ziel. Stelláris und ich dachten, es würde euch gefallen.«
»Wir sind bereits einmal in der Nähe gewesen.« Stelláris, der das ausgezeichnete Gehör der Elfen besaß, lenkte sein Pferd näher heran.
»Ah, die Nixen!« Maya war sofort klar, was er meinte.
»Ja.« Der Elf nickte. »Wir reiten auf das Waldstück zu, das ihr dort am Horizont seht.«
»Gut!«, rief Maya, »aber ich will mal wieder richtig galoppieren! Fiona, ist das für dich in Ordnung?«
»Ich kann Lavinia ein wenig zurückhalten, wenn es mir zu schnell wird«, schlug Fiona zögernd vor. »Macht nur.«
Maya setzte ihre Stute in Galopp. Hyadee ließ sich nicht zweimal bitten. Kaum hatte sie erfasst, was ihre Reiterin von ihr wollte, schnellte sie vorwärts.
Neben sich hörte Maya Larin einen Jubelruf ausstoßen. Sie wusste genau, wie er sich fühlte. Es gab nichts Besseres, als auf Eldorins schnellen Pferden mit dem Wind zu fliegen. Antares jagte rechts von ihr dahin, links donnerten die Hufe von Orion. Sie beugte sich nach vorne über den Pferdehals. Der Wind peitschte ihr um die Ohren und der Boden unter ihr verschwamm. Wie war Hyadee schnell!
»Stopp!«, rief Larin und hob die Hand. »Gleich hinter der verkrüppelten Kiefer führt ein Pfad in den Wald hinein! Lassen wir die anderen zu uns aufschließen.«
»Puh!« Maya brachte ihr Pferd zum Stehen und japste nach Luft. »Das war toll!« Sie drehte sich suchend nach Max und Fiona um.
»Sie brauchen noch ein bisschen«, stellte Larin fest. »Die zwei Schwarzen sind nett, aber schnell sind sie nicht.«

Sobald die beiden aufgeholt hatten, tauchten sie gemeinsam in das sanfte Grün des Waldes ein.
»Endlich wird es kühler.« Max wischte sich die verklebten blonden Haare aus der Stirn. »Erst sticht die Sonne, dann rennen wir wie die Verrückten. Sogar mein Pferd schwitzt … schaut!« Er strich Samantha über den kräftigen Hals und hatte weißen Schaum an den Händen.
»Ich glaube, für Samantha war es anstrengender als für dich«, zwinkerte ihm Maya zu.
»Aber die Sonne dörrt mich aus wie eine Backpflaume! Ich glaube, ich lass mir ’ne Glatze wachsen. Bloß – was mache ich mit Samantha?«
Ein Lächeln zuckte um Larins Mundwinkel. »Im Wald wird es besser. Wenn du willst, kannst du ein sehr kühles Bad nehmen. Ich denke allerdings nicht, dass du Samantha überreden kannst.«
»Schwimmen?« Fiona sah verunsichert zu Maya hinüber.
»Ups«, entschlüpfte es Maya, »die Idee ist gut, nur leider haben wir keine Badesachen dabei. Letztes Mal sind wir mit der Kleidung rein.«
»Ich hatte diesmal auch gar nicht an Baden gedacht – aber Max kann gerne ins Wasser, wenn er wirklich will. Ich rate davon ab, es ist schweinekalt. Die Stelle, die wir euch zeigen möchten, ist bequem mit dem Boot zu erreichen.«
»Besitzen wir denn inzwischen überhaupt Badesachen?« Fiona legte nachdenklich den Kopf schief. »Ich erinnere mich nicht, dass unter Lunas Geschenken welche waren.«
»Vermutlich nicht«, räumte Larin ein. »Elfen haben andere Gewohnheiten als Menschen.«
»Soll das heißen, Elfen baden nackt!«, rief Max und bekam große Augen.
Larin musste über Max’ Entsetzen lachen. »Ja. Für mich ist das ganz normal, ich geh fast immer mit Stelláris zusammen schwimmen.«
»Und falls man tatsächlich mal auf andere trifft, ist man so höflich, einfach wegzusehen«, ergänzte der Elf. »Warum sollte man etwas anziehen, wenn man es nass macht?«
»Äh …«, sagte Maya, »grundsätzlich kein schlechtes Argument.« Ihr Blick streifte Larin. Als sie bemerkte, dass er sie ansah, fühlte sie sich auf sonderbare Weise ertappt und begann hastig, ihre Füße zu studieren.
»Vielleicht«, meinte Fiona zögernd, »kann uns Waltraud da weiterhelfen. Ich bräuchte eigentlich bloß einen passenden Stoff und eventuell ein Schnittmuster. Ich hab schon öfter was genäht, ich kriege es bestimmt hin. Sie selbst besitzt doch einen Badeanzug?«
Larin grinste. »Ja, allerdings steht sie nicht so aufs Schwimmen. Waltraud sagt, sie mag Wasser nur in der Badewanne und in der Blumenvase. Was mich nicht wundert, denn mit dem Ding, das sie Badeanzug nennt, würde ich absaufen. Wie sie sich damit über Wasser halten kann, ist mir ein Rätsel. Das Teil reicht ihr bis unterhalb der Knie und saugt sich in null Komma nichts voll. Ich würde mich da lieber an Luna wenden. Wenn du dir eine Anleitung von Waltraud holst, habt ihr hinterher womöglich einen geringelten Ganzkörperanzug und seht aus wie Herr Bombus.«

Sie ritten einen schmalen, mit weiß blühendem Sternmoos überwucherten Pfad entlang, der sich durch saftiggrüne Ahorne und anmutige Birken schlängelte. Die Pferde setzten die Hufe vorsichtig, denn es lagen immer mehr Steinbrocken im Weg. Zwischen den Bäumen erkannte man einige haushoch aufgetürmte Felstrümmer, zu deren Füßen eine blaue Fläche glitzerte. Das Gestein war fast vollständig mit einem dicken grünen Polster überzogen. In den Ritzen wucherten Farne und rosa Orchideen.
Stelláris hielt seinen Orion an. »Hier steigen wir ab.« Er schwang sich als Erster vom Pferd und begann, seinen Schimmel abzusatteln.
Als Maya Hyadee den Sattel abnahm, fing die Rappstute sofort an, ihren Kopf an ihr zu scheuern, und hätte sie dabei beinahe umgestoßen. »Lass das, ich bin doch kein Baum!«
»Du musst sie noch ein bisschen erziehen«, stellte Larin fest und gab Hyadee einen gut gemeinten Klaps.
Die schwarze Stute guckte aufmerksam mit gespitzten Ohren zu Larin. Dann drehte sie ihren Kopf zu Maya und begann, mit ihrem samtweichen Maul zärtlich an ihr zu knabbern. Maya gab Hyadee einen Kuss auf die Nase und kraulte ihr den Hals.
»Kannst du dich losreißen?«, fragte Larin nach einer Weile und sah fast ein wenig eifersüchtig aus.
»Klar, ich komm schon.«
Stelláris, Fiona und Max waren bereits vorausgegangen. Larin trat mit Maya zwischen einer Gruppe Birken hindurch – und ihr verschlug es den Atem.
Vor ihr lag ein klarer azurblauer See, nicht viel größer als vier Gärten aus der Siedlung. Allerdings schien er sich weiter auszudehnen, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. In der senkrecht aufragenden Felswand, die das Gewässer auf einer Seite begrenzte, klaffte eine torähnliche Öffnung, so groß, dass eine Kutsche bequem hätte durchfahren können, sofern die Wasseroberfläche sie zu tragen vermocht hätte. Der steinerne Durchlass wurde von grünen Lianen teilweise verdeckt. Das Sonnenlicht tanzte durch die Blätter der Bäume und ließ das Wasser wie poliertes Silber blitzen. Blaugrüne Libellen schossen darüber hinweg, funkelnd wie Edelsteine. Weiße Seerosen hatten Teile des Sees überzogen. Sie verbreiteten einen besonderen, süßen Duft, den Maya schon lange vorher wahrgenommen hatte und nicht hatte einordnen können.
»Das ist wunderschön!« Unwillkürlich hatte sie die Stimme gesenkt. Es erschien ihr unpassend, an diesem märchenhaften Ort laut zu sprechen. Max sah das anders.
»Hammer, oder?«, schrie er ihr zu, als sei sie stark schwerhörig. »Nicht das Blumenzeug … Stelláris sagt, dahinten ist ’ne versteckte Höhle, siehst du? Und ihr könnt alle reinrudern mit dem da!« Er deutete auf ein hölzernes Boot, das am Ufer festgetäut sanft auf dem Wasser schaukelte.
»Ja, der Durchgang führt in die Azur-Grotte. Max, bist du wirklich sicher, dass du schwimmen willst?«, erkundigte sich Larin zweifelnd. »Hier geht es noch, aber in der Höhle ist das Wasser eisig.«
Max schlüpfte mit überlegener Miene aus seinen Schuhen und zog sich das Oberteil aus. »Ich hol Samantha, es wird ihr gefallen, ein bisschen zu plantschen.« Er lief zu seinem Pferd, das mit den anderen entspannt den Saum des Sees nach essbaren Pflanzen absuchte, und ergriff die Zügel. »Hopp, Dicke, wir baden.« Samantha warf ruckartig den Kopf nach hinten – ihr Blick schien empört.
»Vielleicht hast du sie beleidigt«, mutmaßte Fiona.
»Unsinn!«, grummelte Max und zog heftiger am Zügel.
»Du stehst falsch«, machte Larin ihn aufmerksam. »Wenn sie unbedingt Seepferd spielen soll, darfst du dich nicht vor sie stellen und zerren. Du gibst ihr durch deine Körpersprache zu verstehen, dass sie zurückweichen soll, und gleichzeitig ziehst du. Das verwirrt sie. Stell dich neben sie und geh mit ihr in die gleiche Richtung.«
»So …?«, wollte Max wissen. Zu mehr kam er nicht. Samantha hatte durchaus gehorsam sein wollen, aber nicht so recht verstanden, was von ihr verlangt wurde. Endlich stand ihr Max nicht im Weg, und sie sollte doch vorwärts laufen? Obwohl die spiegelnde Fläche sie ängstigte, machte sie eifrig einen Satz nach vorn. Sie erschrak so dermaßen vor dem aufspritzenden Nass, dass sie einen entsetzten Hopser zur Seite vollführte und sich mit einem wilden Bocksprung ans Ufer rettete. Max hatte die Zügel nicht rechtzeitig losgelassen und wurde mitgerissen. Mit dem Gesicht voraus und einem lauten Aufplatschen landete er im Wasser. Eine ordentliche Portion Schlamm ausspuckend, tauchte er nur wenige Sekunden später wieder auf. »Samantha, du Wildschwein!«
»Sie kann nichts dafür!«, japste Maya, die sich vor Lachen kringelte. »Max, das war echt gelungen!«
Samantha schielte, unschuldig Wasserminzeblätter rupfend, zu Max hinüber.
»Böses Pferd!«, schimpfte Max, musste aber letztlich in das Gelächter der anderen mit einstimmen.
Stelláris und Larin zogen die Barke ein Stück aus dem See, dass die Mädchen bequem einsteigen konnten. Nur Max bestand darauf, in die Höhle zu schwimmen. Das war eine gute Möglichkeit, den Schlamm loszuwerden. Larin löste das Befestigungstau; Stelláris nahm die Ruder und stieß das Boot vom Ufer ab.
Die Barke glitt fast lautlos durchs Wasser und streifte die grüne Wand aus Lianen vor dem Eingang zur Höhle. Maya streckte die Hände aus, um die Ranken zur Seite zu schieben, da waren sie auch schon hindurch. »Es ist ja alles ganz blau!«, rief sie erstaunt. »Das Wasser, die Wände, sogar wir!« Die Felsdecke wies Spalten auf, durch die ins Innere der Grotte Sonnenstrahlen drangen. Es war beinahe taghell, und alles war in dieses flirrende, azurblaue Licht getaucht.
»Manchmal kommen die Nixen hierher«, erläuterte Stelláris. »Es gibt eine unterirdische Verbindung zum Fluss Sanguin, der außerhalb Eldorins liegt. Leider scheint sich heute keine einzige blicken zu lassen.«
»Schade«, bedauerte Fiona und strahlte Stelláris an, »trotzdem ist es bezaubernd hier.«
»Es ist e-echt schweinekalt!« Max hatte zähneklappernd das Boot erreicht. »Zieht ihr mich rein? S-sonst könnt ihr mich bald als Eisklumpen rausmeißeln.«
»Das können wir keinesfalls verantworten«, grinste Larin. »Los, hoch mit dir.« Sie zerrten den schlotternden Max ins Boot.
»Uäh, ich hab Algen abgekriegt!« Max zupfte grüne Fäden fort, die sich zwischen den Fingern seiner rechten Hand verfangen hatten. »Ich hab mich vorhin richtig drin verheddert. Eklig!«
»Das sind keine Algen …« Stelláris griff nach einem der grünen Fadenstränge und hielt ihn ins Licht. »… das sind Haare. Die Haare einer Nixe. Und hier an der Hose hast du Blut!«
»Was?« Max besah sich erschrocken seine Hose, die bläuliche Verfärbungen aufwies.
»Nixen haben blaues Blut«, erklärte Larin hastig. »Wie bist du hergeschwommen?«
»Ich hab abgekürzt«, erzählte Max bestürzt. »Ihr wart mir ein ganzes Stück voraus und seid im Kreis durch die Höhle gekurvt, deshalb bin ich da drüben nach dem Eingang gleich nach links. Ich wollte euch so schnell wie möglich einholen, weil es grässlich eisig war.«
»Ich sehe nach …« Stelláris zog sein Oberteil aus, streifte sich die Schuhe ab und tauchte mit einem Kopfsprung ins Wasser. Er war schemenhaft als blauer Schatten zu erahnen, während er den unterirdischen Teil der Grotte links der Höhlenöffnung absuchte. Kurz darauf erschien er an der Oberfläche. Im Arm hielt er ein bewusstloses Mädchen mit langen grünen Haaren. Es sah aus, als ob es schliefe. »Ich bring sie an Land!«, rief er ihnen zu. Er hatte die Nixe vorsichtig mit einem Arm umschlungen und schwamm mit ihr aus der Azur-Grotte Richtung Ufer. Blaue Schlieren breiteten sich hinter ihnen auf dem Wasser aus.
Larin übernahm die Ruder und paddelte mit kräftigen Schlägen hinterher. »Das schaut nicht gut aus, ich glaube, sie verliert ziemlich viel Blut«, murmelte er und ließ die Barke aufs Ufer auffahren. Mit einem Satz sprang er heraus und schlang rasch das Halteseil um den Pfosten. Dann eilten sie zu der Stelle, an der Stelláris mit dem Mädchen aus dem See gestiegen war, und umringten die beiden.
Der Elf ließ die ohnmächtige Nixe behutsam ins Moos gleiten.
Maya beugte sich über sie. »Die Arme. Sie ist schwer verletzt, nicht wahr?«, flüsterte sie.
»Ja.« Stelláris untersuchte mehrere klaffende Wunden, die sich vom Oberkörper bis zur Hüfte zogen und aus denen fortwährend blaues Blut quoll. Er presste Moos in die Wunden, um die Blutung zu stillen. Eine kümmerliche Versorgung für so schwerwiegende Verletzungen! Mitunter war das Fleisch richtiggehend in Fetzen gerissen.
Maya schauderte. Mit zitternden Fingern strich sie dem Mädchen mitleidig das wirre, nasse Haar aus dem Gesicht. »Können wir nichts weiter tun?«
»Sie hat bereits eine Menge Blut verloren. Und ich weiß nicht, wie ich es stoppen kann.«
Das Moos in der Wunde hatte sich sofort vollgesogen; dünne blaue Rinnsale liefen erneut über die bleiche Haut des zarten Geschöpfes. Sogar die grünblauen Schuppen, die sich vom Fischschwanz bis über die Taille zogen, wirkten fahl.
»Sie atmet sehr flach«, stellte Maya leise fest. Eine Träne rollte ihr über die Wange und fiel auf das ebenmäßige Gesicht der Nixe.
»Kann man die Risse nicht nähen?«, erkundigte sich Fiona mit wackliger Stimme. Sie schluckte. »Wenn es sein muss, mach ich das, ich hab das bei Maya auch mal hingekriegt. Habt ihr irgendwas dabei?«
Bedauernd schüttelte Stelláris den Kopf. »Das würde in dem Fall vermutlich nichts nützen. Die Wunden sind teilweise äußerst tief, sie muss innere Verletzungen haben.«
»Könnten wir sie nicht nach Eldorin bringen?«, fragte Maya unsicher. »Oder würde sie den Transport nicht überstehen?«
»Zumindest spürt sie im Moment nichts, es würde ihr also keine zusätzlichen Schmerzen verursachen«, erwiderte Larin. »Wir sollten es versuchen.«
»Wir würden das arme Mädchen voraussichtlich sinnlos stundenlang durch die Hitze des Graslandes zerren.« Stelláris war nicht gerade glücklich über diesen Vorschlag. »Falls sie doch aufwacht, wird sie unglaubliche Qualen leiden, und zurück können wir dann nicht mehr.«
Maya fühlte eine schreckliche Hilflosigkeit.
»Wir nähen die Wunden zu«, beschloss Larin. »Sonst verblutet sie so oder so.«
Stelláris seufzte. »Wenn wir die inneren Gewebeschichten nicht nähen, verliert sie trotzdem weiter Blut, nur dass es nicht mehr nach außen abfließen kann, was noch problematischer ist. Also gut, wir versuchen es. Ich habe immer etwas in den Satteltaschen dabei, allerdings nicht unbedingt für Verletzungen wie diese.«
Er stand auf und rannte zur Satteltasche, die er zusammen mit dem Sattel auf einem Stein abgelegt hatte. »So … Fiona, ich weiß, dass du mit der Nadel geübter bist als ich, aber ich glaube, das hier sollte ich tun.«
»Danke«, sagte Fiona nur. Ihr war allein von dem Gedanken übel geworden, die entsetzlichen Wunden nähen zu müssen. Stelláris holte eine Dose aus einem Beutel und schüttete sich einen Teil des grünlichen Inhalts auf die Hand. Sorgfältig rieb er sich mit dem Mittel, das Maya an Schimmelpilze erinnerte, die Hände ein. Dann begann er.
»Jemand muss sich damit ebenfalls die Hände säubern und anschließend die Wunde auseinanderziehen, sonst kann ich innen nicht richtig nähen«, ließ er sie wissen.
Max sprang auf und verschwand hinter einem Baum. Man hörte würgende Geräusche. Fiona griff wortlos nach der Dose und raffte all ihren Mut zusammen. Sie rieb sich die seltsame Substanz auf ihre Hände, bevor sie das zerfetzte Fleisch berührte. »Ich muss dabei nicht die ganze Zeit hinsehen, oder?«, flüsterte sie.
»Nein. Das machst du sehr gut so. Wenn du die Wundränder anders als jetzt halten sollst, sag ich es dir. Ich bin wirklich stolz auf dich.«
Stelláris arbeitete außerordentlich konzentriert. Maya warf ab und zu einen scheuen Blick auf das, was er tat, und wandte dann wieder die Augen ab. Sie bewunderte Fiona für ihren Mut. Obwohl diese manchmal recht ängstlich war, konnte sie unglaublich tapfer sein, wenn es darauf ankam.
Maya hatte weiches Moos als Polster unter den Kopf der Nixe geschoben und streichelte zart ihre Wangen. Mehr konnte sie nicht für sie tun. Larin saß regungslos daneben. Er sah leicht grün verfärbt aus. Einmal bat Stelláris ihn, der Nixe ein paar Tropfen einer Medizin zwischen die Lippen zu träufeln, was er stumm erledigte. Von Max war nichts weiter zu hören und zu sehen. Immerhin vernahm man keine Würgelaute mehr.
»Fertig!«, erklärte Stelláris nach einer Weile, die Maya wie eine Ewigkeit vorkam. Erleichtert atmete er tief durch, säuberte seine blutigen Hände und die Nadel und verstaute alles wieder an seinem Platz. Allerdings schaute er grimmig drein.
»Was hast du?« Fiona merkte, dass etwas an ihm nagte.
»Luna hätte besser helfen können!«, stieß er frustriert hervor. »Anais ebenfalls. Luna ist am besten von allen im Heilen. Sie streicht mit der Hand über eine Wunde, sie berührt sie nicht einmal, und schon setzt der Heilungsprozess ein.«
»Das hier hätte selbst Luna nicht mit Elfenmagie wieder in Ordnung bringen können«, beschwichtigte Larin. »Sie hat eine ungewöhnliche Begabung, aber auch sie kann solche üblen Verletzungen nicht einfach heilen, genauso wenig wie sie einen Sterbenden ins Leben zurückholen kann.«
»Sie hat es mir beibringen wollen«, murmelte Stelláris. »Ich fand, dass ich bereits reichlich viel gelernt habe und bin lieber Bogenschießen oder Reiten gegangen. Oder hab ein bisschen mit Feuer rumgezaubert oder so etwas in der Art. Das ist ja auch viel beeindruckender.«
»Das, was Luna beherrscht, ist bestimmt schwer zu erlernen! Hast du nicht einmal erwähnt, es dauert Jahre, bis man es kann?« Fiona ließ ihre Hand sanft über seinen Rücken gleiten. »Sei nicht so streng mit dir. Du hast das toll gemacht. Du kannst immer noch anfangen, von ihr das Heilen gezeigt zu bekommen.«
»Schaut!«, sagte Maya leise. »Ihre Augen!«
Die Lider der Nixe flatterten. Ihr Atem ging stoßweise, und sie bewegte stöhnend den Kopf hin und her.
»Du bist in Sicherheit!«, flüsterte Maya ihr zu und strich ihr beruhigend übers Gesicht. Die Nixe schlug die Augen auf. Sie waren vor Angst und Schmerz weit aufgerissen, aber wunderschön, saphirblau mit kleinen grünen Sprenkeln; es sah aus, als würden winzige Blättchen in einem tiefen geheimnisvollen Teich treiben. Sie schwammen von Tränen. »Du bist in Sicherheit«, wiederholte Maya und hoffte, dass ihre Worte zu dem verängstigten Mädchen durchdrangen. Die Augen flossen über, Tränen kullerten über die totenbleichen Wangen der Nixe. Erstaunt erkannte Maya, dass die Tränen schimmernde weiße Perlen waren. Die Augen der Nixe hefteten sich auf Mayas Gesicht. Sie öffnete die Lippen, doch kein Laut kam heraus. Maya fühlte, wie ihre eigenen Tränen flossen. Die Nixe verzog den Mund zu einem angedeuteten Lächeln, dann hob und senkte sich ihre Brust mit einem tiefen Aufseufzen zum letzten Mal. Sie glitt hinüber in eine andere Welt, wo der Schmerz sie nicht mehr erreichen konnte. Sie war tot.
Die nächste Stunde verbrachte Maya wie betäubt. Obwohl sie diese kleine Nixe nicht wirklich gekannt hatte, war sie zutiefst traurig. Sie hatte so jung ausgesehen. Maya grübelte, ob sie ihr hätten helfen können, wenn sie sie nur ein bisschen früher gefunden hätten. Was mochte passiert sein? Woher stammten diese fürchterlichen Wunden? Wer tat einem so zauberhaften Mädchen derart Grauenvolles an und warum? Das waren keine menschlichen Waffen gewesen, das war irgendetwas anderes. Vielleicht ein Tier? Aber welches? Sie konnten nur mit Gewissheit sagen, dass der Angriff außerhalb der Grenzen Eldorins erfolgt sein musste. Wer auch immer diese scheußliche Tat begangen hatte, er hätte niemals vermocht, ins Reich der Waldelfen einzudringen. Das Opfer hatte sich wohl mit schwindenden Kräften durch den unterirdischen Wasserzulauf an diesen Ort geflüchtet.
Sie hatten beschlossen, die Nixe in die Barke zu legen und in die Azur-Grotte zu bringen. Irgendwie hätte Maya es nicht richtig gefunden, ein so sehr mit dem Wasser verbundenes Wesen in der Erde zu begraben. Sie watete durch das kühle Wasser am Rand des Teiches und pflückte Seerosen, die sie um das Mädchen herum in das Boot legte. Einige ordnete sie auf seiner Brust an, um die Narben zu verdecken.
»So ist es gut.« Maya wischte sich die letzten Tränen weg. Dann küsste sie die weiße Stirn der Nixe.
»Quäl dich nicht so«, sagte Larin und nahm Maya in die Arme. »Wir haben alles versucht. Ich ziehe jetzt mit Stelláris dem Boot in die blaue Grotte. Danach reiten wir heim.«

Zu Hause in Eldorin hatte Maya keine Lust, sofort mit den anderen von der Koppel aus den Wiesenweg am Bach entlang zur Elfenstadt zurückzulaufen. Sie wären dicht an der Menschensiedlung vorbeigekommen, und Maya wollte momentan niemanden treffen, mit dem sie ein höfliches, belangloses Gespräch hätte führen müssen. Hier bei den Pferden war der einzige Mensch Ignatz, der Pferdehüter, der ihnen über den Weg laufen konnte, und der benutzte seine Stimme so selten, dass sie immer ein wenig eingerostet klang. Larin blieb bei ihr. Er gehörte zu den Menschen, mit denen man auch einmal schweigen konnte, wenn einem nicht nach Reden zumute war. Das war eine Gabe, die nicht jeder besaß.
Die weitläufige Pferdeweide mit den Stallungen war teilweise vom Elfenwald umschlossen. Sie setzten sich auf den würzig duftenden Boden unter eine mächtige Kiefer und lehnten sich an den warmen rauen Stamm. Das gemeinsame Bogenschießen, auf das Maya sich so gefreut hatte, hatten sie auf ein anderes Mal verschoben. Keiner hatte heute mehr Interesse daran.
Eine Zeitlang saßen sie regungslos im Halbschatten und beobachteten die Herde. Schließlich begann Larin, in seinen Taschen zu kramen.
»Schau, das hier hab ich behalten.« Er öffnete die Hand. In ihr schimmerten matt die Perlen, die die Nixe geweint hatte. Maya schluckte. »Ich werde den anderen auch eine geben«, sagte Larin leise. »Sie … sind äußerst selten und sehr kostbar. Aber vor allem sind sie ein Andenken.«
Maya starrte die Perlen an. Sie wusste nicht so recht, ob sie wirklich eine Erinnerung an die arme Nixe haben wollte.
»Nimm sie«, forderte Larin sie auf. »Es war ihr Geschenk an uns. Sie hätte keine Perlen geweint, wenn sie das nicht gewollt hätte. Man sagt diesen besonderen Tränen nach, dass, wer sie schluckt, unter Wasser atmen kann wie eine Nixe. Ich kenne niemanden, der es ausprobiert hätte, aber da Luna es erwähnt hat, muss es wohl stimmen.«
Zögernd nahm Maya eine der makellosen Perlen und hielt sie mit zwei Fingern gegen die Sonne. Sie glänzte im Licht und fühlte sich kühl an und fest, obwohl sie doch ursprünglich eine Träne gewesen war.
»Es ist ein wunderschönes und ein schreckliches Geschenk.«


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